- Die Oberfläche und die
Kehrseite
- von Hartmut
Bitomsky
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- In: Bitomsky, Hartmut (1972)
Die Röte des Rots von Technicolor. Kinorealität und
Produktionswirklichkeit. Neuwied / Darmstadt: Luchterhand. S.
90-94
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- In »Verboten« von
Samuel Fuller (1959) ist folgende Szene zu sehen: Eine junge
blonde Frau und ein G.l. sitzen in einem armseligen Zimmer, es ist
ein Liebespaar. In ihre Unterhaltung fallen plötzlich
Schlachtenlärm und Kanonendonner. Aber dann erfährt der
Zuschauer: es ist keine Schlacht, sondern ein Unwetter, das
draußen tobt. Erleichtert sieht man, wie der Soldat ins
Freie läuft. Wieder ein Donnerschlag; aber mit Schrecken
erfährt der Zuschauer nun: es sind doch Geschütze, die
donnern, und die Schlacht ist wieder entbrannt.
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- Diese Formulierung über
die Liebe, den Krieg und die Natur ist in einer doppelten
rhetorischen Kehre aufgebaut: Liebe - Krieg (= keineZeit für
Liebe) -Kein Krieg - Doch Krieg.
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- Die filmische Paraphrase ist
von dem Wissen gespeist, daß der Kampf des Menschen gegen
die Natur nichts ist gegen den Kampf, der in den
gesellschaftlichen Verhältnissen tobt. Aber solche
wortsprachliche Umschreibung kann nur einen unempfindlichen,
begrenzten Ausschnitt davon wiedergeben,was die filmische
Transformation bedeutet und eröffnet. Fuller hebt das
Bewußtsein von dieser Phrase aus der Tiefe unserer
Vorstellungen herauf, wälzt sie um und klärt sie ab.
Daß wir die ikonischen Daten der Oberfläche, den Inhalt
und den Kontext der verschiedenen Bilder verstehen, liegt daran,
daß sie von unseren propositionellen Einstellungen, Motiven
und Ideen unterbaut sind. Die Bilder packen das gesellschaftliche
Bewußtsein an.
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- Die Tafel basiert auf einer
Rekonstruktion der Sequenz aus Fullers Film. (Es ist eine
Rekonstruktion aus dem Gedächtnis; es mögen sich einige
Abweichungen ergeben, da ich den Film nur einmal gesehen habe; auf
jeden Fall stellt die Tafel eine nützliche Vereinfachung
dar.) Sie soll exemplarisch anhand einer Sequenz darstellen, wie
innerhalb eines Syntagmas die Codes der Denotation sich in einer
immer komplexer werdenden Reihe aufeinander beziehen, wie die
rhetorische Mobilität des Syntagmas eine Formation von
Propositionen, Vorstellungen und Erfahrungen mit einer bestimmten
kinematographischen Oberfläche verknüpft und wie sich
auf dieser Folie die Lektüre bewegt.
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- fortschreitende Stadien der
Lektüre:
- Der Prozeß der Perzeption
läßt sich einteilen; die Einteilung ist nicht
völlig willkürlich, sie richtet sich nach
bedeutungsvollen Abschnitten in der Sequenz, also nach dem Wechsel
in der Dominanz von verschiedenen Codes (die durch die
großgeschriebenen Buchstaben A, B usw. gekennzeichnet sind).
Im Gegensatz zur etwas ausführlicheren Inhaltsbeschreibung
der Denotationen sind die Konnotation nur mit einem lapidaren
Stichwort belegt.
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- propositionelle
Einstellungen des Zuschauers:
- man kann sie sich
gewissermaßen als einen internen Kommentar vorstellen, der
parallel zu den Bildern und in Korrespondenz mit ihnen
abläuft.
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- Propositionen:
- die aktualisierten
propositionellen Einstellungen kommen nicht von ungefähr, sie
sind prädisponiert. Propositionen sind also eine
generalisierte Haltung und Bewertung; aus dem Fundus solcher
propositioneller Generalisationen werden dann die aktuellen
Einstellungen ausgelöst".
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- paradigmatische Reiationen:
- jede aktuell perzipierte
Denotation wird zu den vorhergehenden (und folgenden) Denotationen
in Beziehung gesetzt; es ist also eine Beziehung zwischen etwas
Gegebenem und etwas nicht (mehr oder noch nicht) Gegebenem. Die
Relationen (a, b usw.) sind hier ausschließlich retrospektiv
(alle prospektiven Relationen wurden nicht
berücksichtigt).
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- a: aus dem Paradigma aller
möglichen Zuordnungen x des Geräusches (C) zu einer
indizierten Geräuschquelle wird, nicht zuletzt wegen der
militärischen Attribute des G.I. (A), die Zuordnung zu einer
Kanone als Geräuschquelle gewählt. Daß es sich um
eine Kanone handelt, ist aus C nicht zu ersehen, so daß alle
möglichen Geräuschquellen, die C verursachen
können, ein Paradigma bilden, durch das man C zu A und B in
Beziehung setzen könnte.
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- b: der Blitz und die
dräuenden Wolken, die der G.l. am Himmel sieht (E), stehen im
Gegensatz zur Zuordnung von Geräusch und Kanone (a);
während die Relation a auf den Beginn derSchlacht hindeutete,
zerstört F diese Bedeutung und etabliert eine neue Relation
(2, die auf ein Unwetter hindeutet. b ist folglich eine
oppositionelle Realtion zu a.
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- y: der G.I. steht im Freien und
hört nochmals einen Donnerschlag (F); dieses Geräusch
wird zu den Wolken und dem Blitz, die in E zu sehen waren, in
Beziehung gesetzt. Die Relation y bestätigt die Relation b;
es handelt sich also um ein Unwetter.
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- z: aber plötzlich wirft
sich der G.l. auf den Boden und sucht Deckung (G), und zwar im
unmittelbaren Anschluß an die Geräusche von F. Man
sieht jetzt, daß wirklich geschossen wird (H). Durch die
Kenntnis von G und H ergibt sich eine weitere Relation (z), die in
Opposition zur Relation y steht: diese Relation, die auf Unwetter
verstärkend hindeutete, wird entkräftet.
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- c: deshalb wird auch die
revidierende Relation b (es ist kein Gefecht, sondern ein
Unwetter) wiederum revidiert durch die Relation c (es ist kein
Unwetter, sondern doch ein Gefecht). Die Relation c bestätigt
nach dem Irrtum die zuerst geknüpfte Relation a.
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- Man sieht also, daß die
verschiedenen paradigmatischen Relationen, die im Verlauf des
Syntagmas entwickelt werden, nichts anderes sind
- als eine schrittweise
vorgenommene, beständig korrigierte und verifizierte
Auslösung der Relation a aus dem Paradigma der
Relationen.
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- rhetorische Bewegung:
- diese Bewegung ordnet das
Verhältnis der Denotate, Konnotate und propositionellen
Einstellungen zueinander. Unter dem Einfluß des
fortlaufenden Syntagmas und den paradigmatischen Relationen, die
das Syntagma zu knüpfen erlaubt, ändert sich dieses
Verhältnis stufenweise. Es entstehen neue Konnotationen, die
Einstellungen werden widerrufen, und es werden neu ePropositionen
herangezogen. Die rhetorische Figur ist der doppelten Verneinung
vergleichbar; auf den Zuschauer bezogen heißt das, er wird
zweimal vom Film in die Irre geführt: aber dieser Irrweg i st
nicht unnütz, er grenzt bestimmte Werte, wie sich an der
Tiefen-Phrase zeigt, gegeneinander ab.
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- (verbal transskriblerte)
Tiefen-Phrase:
- am Ende des Syntagmas ergibt
sich eine bestimmte Formation der Propositionen, eine bestimmte
Einordnung dessen, was zu sehen und zu hören war, ins
Bewußtsein. Die Phrase, die aus diesen Propositionen
gebildet ist, war bereits schon in A, B und C enthalten (ebenso
wie sich am Ende herausstellt, daß die erste paradigmatische
Relation richtig gewesen ist - aber wie sehr richtig sie war, das
hat man erst erfahren, nachdem diese Relation einigen Belastungen
ausgesetzt gewesen ist ); wenn man die Termini des Komponierens
auf dieses Szene anwendet, heißt das: A, B und C sind eine
Introduktion der Themen und werden im Syntagma der folgenden
Denotationen durchgeführt. Die verbale Transskription der
Phrase ist auch schon eine Paraphrase: die Phrase selbst ist
transverbal und transkinematographisch. Die verbale
Paraphrasierung übrigen an Marx angelehnt, ist
möglicherweise im Vergleich zur kinematographischen sehr
präzis, begrifflich und ohne weiteren Aufwand formulierbar -
aber sie ist auch im Vergleich zum Film sehr arm, sie bringt keine
Intensität bei, sie ist von den konkreten Erfahrungen, deren
Erkenntnis sie signalisiert, fast gereinigt, und sie vermittelt
auch wenig neue Erfahrung.
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- Die Kinematographie dieser
Szene hat die Phrase nicht an die filmische Oberfläche
versetzt und streng thematisiert; die Phrase ist nur angesprochen,
»dem Geist präsent«, wie Chomsky sagt.
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- Auf der filmischen
Oberfläche ist die Kinematographie mit wahrnehmbarem,
sichtbarem Material befaßt. Aber das Wesentliche am Film ist
nicht nur das reproduzierte Sichtbare [641 - sondern vor
allem, daß etwas sichtbar gernacht wird. Das Verhältnis
von Sichtbarem und realisierter Imagination wird unaufhörlich
und in jedem Moment vom Filmamacher und Zuschauer hergestellt:
denn, unmittelbar haben der materielle Aspekt des Films und die
Phrasen des Bewußtseins keine Verbindung, sie sind immer
vermittelt durch die sprachliche Operation, das Verstehen, das
Signifizieren.