- Ohne Alibi
sein
- L' Argent
- von Hartmut
Bitomsky
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- Textausschnitt
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- 1.
- Für gewöhnlich ist in
einem Film, in einer Geschichte die Weit aus einem Guß. Auch
die Charaktere sind aus einem Guß, und sie haben einen
sicheren und festen Platz in dieser Weit, und für ihre
Handlungen und Auseinandersetzungen, für ihre Physiognomien
und Gemüter ist stets der Raum gegeben, den sie exakt
ausfüllen.
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- Es wird immer kommen, wie es
kommen muß, selbst das Unvorhergesehene, sogar das
Unmögliche findet Platz. Es fügt sich alles.
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- Vielleicht verachten solche
Geschichten die Menschen, die in ihnen existieren. Vielleicht
verachten sie die Menschen nicht einmal zu Unrecht. Der Held und
sein Bösewicht ergänzen sich nahtlos, und sie verfehlen
sich niemals; ein Charakter und sein Schicksal entsprechen
einander auf das prompteste; und es geschieht stets genau das, was
eine Ursache bewirkt.
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- 2.
- Tolstois Novelle »Der
gefälschte Coupon« handelt davon, wie Unglück und
Unrecht sich vervielfältigen, wie ein Mensch den anderen in
eine hoffnungslose Kette der Schuld hineinflicht.
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- Aber an einem Punkt trifft
diese Kette auf einen Menschen, der ganz und gar Opfer ist, die
Unschuld in Person. Da kehrt sich altes um, und von nun an geht
eine Kette von Wiedergutmachung und Läuterung
rückläufig durch die Geschichte. Am Ende ist alles
aufgehoben, ein Zustand der anfänglichen Indifferenz
wiederhergestellt. Die Geschichte geht mit Null auf wie eine
Rechnung.
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- Die Kettenstruktur der
Geschichte ist zugleich ihre Idee und ihre Moral, eine ziemlich
unerbittliche Determination und eine versöhnliche
Abstraktion.
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- Tolstoi setzt gegen die rigide
Struktur der Geschichte die Freigebigkeit seiner Erzählweise.
Die Geschichte geht auf, aber die Personen gehen nicht in der
Geschichte auf, die ihnen widerfährt.
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- 3.
- L'ARGENT ist kein Film, der
eine Geschichte erzählt. Natürlich erzählt der
Film, aber es ist nicht die Geschichte, die dabei herauskommt. Die
Geschichte erscheint nur soweit als nötig, oftmals nur als
ein Ambiente, in dem sich die Personen bewegen, als eine
flüchtig am Rande des Films hingeworfene Skizze zur
Einarbeitung.
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- Das soll nicht heißen,
daß einem etwas vorsätzlich von der Geschichte
vorenthalten würde (womöglich, um am Ende mit einer
Überraschung aufzuwarten).
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- Ein Beispiel (das eine typische
Situation eines dramatischen Plots sein könnte): der
Banküberfall.
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- Yvon hat mit einem Kellner in
einem Bistro eine Verabredung gehabt. Der Kellner händigte
ihm einen Stadtplan aus. Der Plan war mit einigen Markierungen
versehen. Was diese Szene im Rahmen der Story soll, weiß man
zu dem Zeitpunkt nicht. Die beiden haben etwas vor, das kann man
vermuten, mehr aber nicht.
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- Auch wenn man kurz darauf Yvon
in einem geparkten Auto warten sieht, ist nicht zu sagen, was
gerade geschieht, warum er sich dort aufhält. Er sitzt im
Auto, in gewisser Anspannung, mit einem stieren, weggerichteten
Blick.
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- Ein Passant kommt vorbei. Er
liest im Gehen in der aufgeschlagenen Zeitung, ohne sonderlich des
Weges zu achten. »L' Actualité» heißt die
Zeitung, die er liest (und wenn man den Film anhält, kann man
sehen, daß der Aufmacher ein Artikel ist, der mit »La
nausée« betitelt ist, »Der
Ekel«).
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- Für einen Moment ist der
Passant mit seiner Zeitung ebenso bedeutend und mysteriös wie
Yvon in dem Auto.
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- Die Kamera schwenkt mit dem
Passanten, als gelte es, nun ihn zu verfolgen. Da kommen
Polizeiwagen ins Bild, Männer in kniender Haltung, Revolver
feste im Anschlag. Der Passant macht, daß er davonkommt.
Schließlich fallen Schüsse. Noch immer ist nicht zu
sagen, was Yvon mit ihnen zu tun hat. Erst ganz am Ende der
Episode, nachdem der Banküberfall und die Geiselnahme
gescheitert sind, wird seine Komplizenschaft deutlich. Er sollte
den Fluchtwagen fahren.
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- Ihm gehen jetzt die Nerven
durch, er versucht zu verschwinden. Da schöpfen die
Polizisten Verdacht und nehmen seine Verfolgung auf.
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- Yvon hatte sich als
unbeteiligte Person getarnt: der Film macht diese Tarnung solange
mit, wie Yvon sie nicht selbst preisgibt. Einen Schritt weiter,
und man möchte sagen, daß schon der Film eine Tarnung
sei.
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- 4.
- Man nimmt etwas anderes wahr.
Die Episode ist ein Extrem der Bressonschen Erzählweise, aber
kein Sonderfall. Ein Film und seine Geschichte sind bei ihm sehr
seiten kongruent. Die Geschichte ist nur ein Teil dessen, was vor
sich geht, und nicht immer der interessanteste.
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- Bresson erzählt von
Segmenten. Er weiß, daß es rechts und links, über
und unter dem Segment weitergeht, aber man kann nicht alles
wissen, und wüßte man alles, so könnte man es
immer noch nicht sagen, das Leben ist keine Fabel.
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- Ist diese Ahnungslosigkeit ein
umgekehrter suspense?
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- 5.
- Es wäre falsch zu
behaupten, daß Bresson seine Geschichte (oder eine Szene
darin) nicht vollständig vor dem Zuschauer enthüllte. Im
Wort Enthüllen steckt, daß sich in der Geschichte ein
Rätsel verbirgt, das Wesentliche. Sollte dem so sein, dann
wäre das Erzählen ein bloßer Trick der
Verklausulierung dessen, was man schon weiß, aber nicht
sogleich zugeben möchte. Und das Rätsel wäre
längst keines mehr. Der Film ist bei Bresson immer
Gewißheit, so begrenzt sie auch sein mag.
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- 6.
- Die Personen motivieren ihre
Handlungen nicht, für ihre Existenz gibt es keine
Berechtigungsnachweise; für das, was geschieht, sind keine
Kausalitäten oder Finalitäten ausschlaggebend; und es
ist nicht in das Wenn und Aber der Umstände eingebettet.
Alles steht zuerst einmal nur für sich.
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- Aus diesem Grunde kann man
nicht sagen, daß Bressons Bilder fragmentarisch wären.
Denn zu jedem Fragment gehört ein ursprünglicher,
vollständiger Plan, der sich eruieren
ließe.
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- Ebenso kann man nicht sagen,
daß die Vorgänge nur Torsi einer Geschichte wären.
Denn zu jedem Torso gehört eine ursprüngliche
Vollkommenheit der Gestalt, die im Bruchstück noch
vorgezeichnet ist und durch weitere Funde komplementiert werden
könnte.
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- Das Ursprüngliche, Ganze,
Vollständige existiert bei Bresson nicht, auch nicht in der
Virtualität (weshalb sonst die religiösen
Sujets?).
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- Bresson leitet nicht ab, er
schließt nicht, er begründet nicht. Er
setzt.
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- 7.
- Bressons Schnitte sind keine
Konjunktion der Bilder, sondern ihr Zusammenprall. Bressons
Schnitte schneiden das Gewirr von Fäden und Fibern ab, das
sonst in den Filmen das eine mit dem anderen verbindet, das
Erinnerungen und Zusammenhänge, Motive und Beziehungen
zuführt.
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- Man könnte die klassische
Schnittfolge (Totale, Nahaufnahme, Gegenschuß, Umschnitt,
Detail, Übergang o. ä.) als ein hypotaktisch
gegliedertes Gebilde von Einstellungen begreiflich machen. Die
verschiedenen Einheiten sind in einem genauen System von
Relationen einander zu- und untergeordnet.
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- So gesehen ist die Schnittfolge
bei Bresson der Parataxe vergleichbar. Jedes Bild ist autonom,
jede Einstellung ist von gleichem Rang. Er verwendet eine
Einstellung nicht mehr als einmal (in L' ARGENT gibt es eine
Ausnahme); mit anderen Worten, die Einstellung wird nicht
unterschnitten, er kommt nicht in dieselbe Einstellung
zurück. Einstellung und Bild sind identisch: für jedes
Bild werden die Verhältnisse von Blick- bzw. Spielachsen und
von Kameraachsen neu aufgebaut (deshalb findet man auch keine
regulären Schuß-Gegenschuß-Szenen).
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- Ein Schnitt ist ein Hiatus. Die
Bilder und die Welt sind keine Gleichnisse mehr
füreinander.
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- 8.
- Hände, die eine Sache
ergreifen, halten, übergeben, annehmen, verbringen. Man
könnte dem Film auch als einer langen und gewundenen Kette
von Handreichungen nachgehen.
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- Der Verkäufer Lucien
hält dem Kunden, den er gerade betrügt, beidhändig
den Photoapparat und das Wechselgeld hin.
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- Bresson führt mit diesem
Film die Hände als Gegenstand des Kinos ein, so wie die Maler
des Quattrocento die Hände in die Malerei eingeführt
haben.
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- Luciens Doppelgeste ist so
merkwürdig. Sie sagt etwas, aber was immer sie sagt, sie
drückt es nicht aus, und man kann sie nicht verstehen, es
läßt sich von ihr nicht zurückschließen,
etwa auf den psychischen Zustand eines Betrügers, der sich
auf verwirrte Weise bemerkbar machte.
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- Man stellt sich vor, besonders
im Kino, daß Gesten etwas ausdrücken. Man stellt sich
vor, daß eine Körperbewegung zur Geste wird, weil sie
unmittelbar an eine psychische oder nervliche Regung gekettet sei.
Dieser sklavische Gehorsam macht eine Bewegung zugleich
natürlich und ausdrucksvoll.
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- Die Vorstellungen darüber,
was natürlich oder lebendig ist, sind festgefahren. Man setzt
es mit Spontaneität und Imputsivität gleich. Diese
Vorstellungen werden von der Bressonschen Geste enttäuscht.
Sie wirkt vielmehr auswendiggelernt, ein wenig mechanisch und
unnatürlich.
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- 9
- Man wird bei Bresson niemals
eine Geste sehen, eine Bewegung oder Körperhaltung, die
ungenau, eventuell oder beliebig wäre. Sie zeugen einer
eigenen Bewußtheit, von einer Technik, die den Körper
veranlaßt, einer bestimmten Ideallinie zu folgen und sich
dabei durch nichts irritieren zu lassen.
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- Diese Körpertechnik
erinnert vielleicht von ferne an pantomimische Gebärden. Mit
dieser leidig-tapferen Kunst des Masochismus hat Bressons Gestik
aber nichts zu schaffen. Wie elend das Leben auch sein mag, es
kennt keine jämmerlichen Gestatten in seinen
Filmen.
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- 10.
- Man könnte dem Film auch
nachgehen als einer fortlaufenden Gegenüberstellung von
Personen. Es ist ein Kommen und Gehen, Türenaufstoßen
und Türenzufalten. Leute betreten einen Raum, nehmen eine
Position ein, stehen sich gegenüber.
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- Sie stehen sich gegenüber
in einer gestellten Situation; gestellt in dem Sinne, daß
sie eine Stelle im Raum einnehmen, einen Punkt besetzen. Es
entstehen Winkel, Achsen, geometrische Konstellationen, lauter
Schnitte im Raum.
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- (...)
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- Entnommen aus: Bitomsky,
Hartmut (2003) Kinowahrheit. Berlin: Verlag Vorwerk 8.Texte zum
Dokumentarfilm, Band 8. S. 156-160.
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