Montage
Hans Beller
1 Einleitung
Was heißt "Filmmontage"?
"Filmmontage" ist im deutschen Sprachgebrauch ein Sammelbegriff, der
sowohl in der Theorie als auch in der Praxis des Films benutzt wird.
Einerseits ist Filmmontage eine zentrale Kategorie der theoretischen
Beschäftigung mit einem Aspekt der "Filmgestaltung", anderseits
bezeichnet der Begriff auch das Handwerkliche des Filmschnitts und
Videoeditings. Filmmontage umfasst in der Produktion den Vorgang von
der szenischen Auflösung durch Kamera und Regie bis zum
Feinschnitt und Final Cut. Da "Filmmontage" so breit gefasst wird,
soll dieser Terminus auch hier Verwendung finden. Wenn er im
Folgenden nicht mit präziser Trennschärfe definiert wird,
dann liegt das daran, dass "Filmmontage" für einen komplexen
Vorgang steht, der einem ständigen Wandel unterzogen ist.
Keine Mediengeschichte, keine Ästhetik und Dramaturgie des Films
kommt an Montage und Editing vorbei. "Filmmontage" ist also kein
nostalgischer Begriff der Zelluloidära, sondern ein Terminus,
der auch bei den heutigen digitalen Schnittsystemen für neue
Gestaltungsmöglichkeiten filmischer Artikulation und AV-Medien,
für Desktop Filmmaking und Moving Images, verwendet wird. Im
Lauf der Filmgeschichte hat sich nicht eine internationale
Filmsprache mit nur einer Auffassung der Filmmontage entwickelt,
sondern es gibt mehrere Traditionen, die verschiedene
Lösungsansätze für die Probleme gefunden haben, die
sich den Filmemachern in den vergangenen 100 Jahren gestellt haben.
Der amerikanische Filmtheoretiker David Bordwell schreibt nach einem
filmhistorischen Überblick:
"Einige der gefundenen Lösungen haben sich durchgesetzt, sind zu
traditionellen und akzeptierten Techniken geworden, die nach Belieben
der Filmemacher ein- gesetzt oder vernachlässigt werden
können. Es gibt rivalisierende Traditionen - man kann eine Szene
schneiden oder einfach weiterlaufen lassen, man kann mit oder ohne
Kamerabewegung arbeiten -, aber sie alle drehen sich um gewisse
Schlüsselprobleme: die Aufmerksamkeit des Zuschauers auf das zu
lenken, was von Bedeutung ist; die dramatische Entwicklung der Szenen
voranzubringen und eine Beziehung des Zuschauers zu den emotionalen
Dimensionen der Figuren herzustellen." (1)
Zunächst ist mit "Filmmontage" allgemein die
- Auswahl,
- Begrenzung,
- Anordnung und
- Variation der Einstellungen im Ablauf eines Films gemeint.
Der russische Montagetheoretiker und Filmavantgardist Sergej
Eisenstein vertrat die Überzeugung, dass der "eigentliche Zweck
der Montage ... - wie für jedes Erzeugnis der Kunst - in der
Erkenntnisvermittlung liegt: die Aufgabe, das Thema, das Sujet,
Handlungen, Taten, die Dynamik innerhalb der Episode wie auch
innerhalb des Films insgesamt zusammenhängend und folgerichtig
darzulegen". (2) Dabei darf das emotionale Moment der Montage, neben
ihren Eigenschaften der Strukturgebung, des Drive, Pace und Timing,
nicht zu kurz kommen.
Federico Fellini meinte, dass "der Schnitt eines der emotionellsten
Momente des Filmemachens" sei (3), und der Hollywood-Editor Walter
Murch schreibt, dass bei ihm "die Entscheidung für einen idealen
Schnitt zu 51 Prozent davon abhängt, ob er das Gefühl des
jeweiligen Moments trifft". (4)
Für Sir Alfred Hitchcock (1899-1980), den Meister des
Kinothrillers, war die Filmmontage sogar "die wichtigste Kunst des
20. Jahrhunderts ". (5)
In diesem Kapitel geht es nicht um eine normative Asthetik im Sinne
von "Musts and Don'ts", Rezepten und Gebrauchsanweisungen, auch nicht
um das Vermitteln von sich ständig erweiternden Tools. Vielmehr
soll die Filmmontage als eine offene filmische Methode mit den
unterschiedlichsten Mustern, Schematas und Modellen vorgestellt
werden, die abhängig sind von der Entwicklung filmischer und
digitaler Technologien, vom Zeitgeist, von Genres, individuellen
Regiestilen und auch vom Stilwillen und Temperament des Editors.
Gleichwohl sollen einige Montagemittel gezeigt werden, um den Blick
für das Metier zu schulen und mit den Grundlagen vertraut zu
machen. Eine erschöpfende Darstellung der Montage ist im Rahmen
dieses Kapitels nicht möglich und eine enzyklopädische
nicht gewollt. William Hornbeck, der Stummfilm- und Tonfilmeditor und
spätere Chefeditor und Vizepräsident von Universal,
drückte das pragmatisch aus:
"Natürlich kann man niemand per Unterricht beibringen, wie man
schneidet. Man kann nur Hinweise und Tipps weitergeben, die der
andere befolgen sollte. Diese Tipps sind keine Regeln; wenn es feste
Regeln für den Schnitt gäbe, könnte man sie in ein
Buch schreiben und jeder könnte Cutter werden." (6)
Der Schwerpunkt wird auf die Analyse der Gestaltungsprinzipien, die
Geschichte, Theorie und Praxisvermittlung der Filmmontage gelegt,
wobei der Beitrag die jeweiligen Montagemuster entsprechend ihrer
Chronologie innerhalb der Filmgeschichte von einfachen zu komplexen
Formen auszudifferenzieren versucht. Der heutige Film-Talk als
internationale Verständigungssprache des Films wird ebenfalls
berücksichtigt. Ziel ist es, fundierte Kenntnisse der
Montagemöglichkeiten und Prämissen zu vermitteln, die beim
Planen, Schreiben, Drehen, Komponieren und Montieren
berücksichtigt werden können.
Zum Begriff "Film"
Film war immer schon ein Multimedium, etwas Gemischtes und
Zusammengesetztes, beeinflusst von Malerei, Theater, Tableau vivant
(7), Schattenspiel, Varieté, Chronofotografie, Laterna magica,
Panorama, Bildertrommel, Lebensrad, Musik, Oper, Ballett, Sprache,
Gesang, Tönen, Spektakel ... Kurz: Film verwies ab 1895 andere,
frühere Entwicklungen der Lauf- und Bewegungsbilder in eine
technologische Sackgasse, ließ sie zum Teil nostalgisch werden,
übernahm aber die jeweiligen künstlerischen Kräfte,
die auch raum-zeitlich expansiv im neuen Medium Film über das
bewegte Einzelbild hinausdrängten und Schnitt und Montage
notwendig machten.
Wird nun auch der Film Nostalgie, gilt er als analoges Medium als
veraltet angesichts der digitalen Wende der Medien? Und muss man
wieder einmal einen Verlust an Handwerk beklagen, weil wir uns
technologisch vom Schneiden und Kleben zum "Cut and Paste" per Tasten
und Klicken bewegen? Die submediale Bedeutung des Worts "Film" (8)
meint das Zelluloid, die alte Trägersubstanz, die dem Medium
seine Bezeichnung gab. Mittlerweile versteht man unter "Film" auch
die Bilder und Töne der Movies auf Magnet- und
Videobändern, auf CD-ROMs und DVDs, ebenfalls die Produktion,
die aus dem Stoff eines Autors etwas macht, mit Stars, Regie, Kamera
und eben Montage etc.. Beim Dokumentar- und Experimentalfilm und
anderen Genres liegen die Schwerpunkte meist anders. "Film" ist ein
Sammelbegriff, der die Etappen von Produktion, Distribution und
Abspiel über Projektor, Beamer oder Bildschirm umfasst. Der
übliche Gebrauch des Wortes "Film" ist also mehrdeutig, weil er
ursprünglich sowohl die mediale Trägersubstanz meint, in
die bei der analogen Filmmontage direkt zwischen die Frames der
Einzelbilder hineingeschnitten wird, als auch jenen submedialen
Bedeutungsraum, der vielseitig bleibt, da in ihm das Emotionale des
Films mitschwingt. Daher halten sich die Begriffe "Film" und
"Montage", selbst wenn sich die Realität von Produktion,
Distribution und Konsumption digital verändert.
Das erste Jahrzehnt der neuen Medien, die 90er Jahre des vergangenen
Jahrhunderts, liegen hinter uns. Unter anderem haben sich
Computerspiele, Internet und digitale Editingsysteme in dieser Zeit
etabliert. Die generelle gestalterische Entwicklung der Medien
innerhalb der letzten Dekade wird von der Medienwissenschaft durch
Cross Over und Hybridisierung charakterisiert. Doch um zu
differenzieren, was sich da über Kreuz durchmischt, sind
Kenntnisse der generellen Gestaltungsmöglichkeiten der Montage
Voraussetzung, die nicht von digitalen Technologien außer Kraft
gesetzt, sondern nur modifiziert werden können. Um die
generellen Gestaltungsmöglichkeiten der analogen wie digitalen
Montage herauszuarbeiten, wird zunächst das Urkino aus der
Frühgeschichte des Films betrachtet. Ein solcher Einstieg hat
den Vorteil, anschaulich in die unterschiedlichen Begrifflichkeiten
und Wahrnehmungsformen der Filmmontage einzuführen.
2 Geschichte der Montage
Wie der Filmschnitt in die Welt kam
Am Anfang war ein Rollfilm, projiziert als Schleife. 1884 hatte der
amerikanische Erfinder George Eastman mit der Herstellung des
Rollfilms begonnen und 1889 erfand Edison den 35-mm-Film mit
Perforation, der als Streifen aus Zelluloidbahnen herausgeschnitten
wurde. Der seit 1894 35 Millimeter breite, beidseitig perforierte
Zelluloidstreifen wurde an Anfang und Ende glatt abgeschnitten, um
nahtlos zu einer Endlosschleife, einem frühen filmischen Loop,
zusammengeklebt zu werden: Das Prinzip des Abschneidens und
Zusammenfügens eines Films war geboren. In dem von Edison und
Dickson erfundenen Guckkasten, dem Kinetoskop, gab es bewegte Szenen
zu sehen, vom Tanz bis zur Akrobatik, die etwa 20 Sekunden dauerten.
Für einen Penny konnte nun ein Film von einer Person an einem
Ort betrachtet werden. Jean-Luc Godard hatte also Recht, als er 1995
sagte, man würde hundert Jahre Kino und nicht das
hundertjährige Jubiläum des Films feiern. Denn 1895 kamen
diese in sich ungeschnittenen Filmszenen bei den Gebrüdern
Skladanowsky (Berlin, im November) und Lumière (Paris, im
Dezember) aus der Enge des Guckkastens auf die leuchtende Fläche
einer großen Leinwand. Viele Menschen sahen erstmals gemeinsam
ein Filmprogramm, bestehend aus der Aufeinanderfolge von autonomen
Szenen, die zwar Unterschiedliches zeigten, indem sie nacheinander
projiziert, aber noch nicht aneinander geschnitten waren. Bereits die
I)arbietung von Einzelfilmen war abwechslungsreich: Auf tanzende
Kinder tolgten bei den Skladanowskys ein turnendes Paar am Reck, ein
Jongleur und anschließend ein boxendes Känguru.
Abwechslung wurde zu einer treibenden Kraft des späteren
Filmschnitts.
Die Filme in den ersten Jahren bestehen aus Szenen ("Scenes " und
"Scenics"), ungeschnittenen kleinen Erzählungen und
Ereignisabfolgen mit Anfang, Mitte und Ende in sich. Vehikel,
Menschen und Tiere werden in ihren Bewegungen und Anordnungen im Raum
vor der Kamera inszeniert und aufgenommen. Der Film muss mit einer
einzigen Kamera, einer einzigen Position,
Einstellungsgröße, einem Bildradius auskommen. Beim Film
der Lumières (1895) öffnet sich das Tor ihrer Fabrik,
Arbeiter kommen heraus, passieren die Kamera, das Tor schließt
sich am Ende - alles in einer Einstellung. Jedenfalls sind gleich zu
Anfang die Keimzellen für alle Genres in den
Einzeleinstellungsfilmen (Single-Shot Films oder One-Shot Films) zu
sehen. Die Lumières zeigen nonfiktionale und fiktionale
Minifilme: Homemovies, Nachrichten, Sketche, Werbung und Imagefilm.
Georges Méliès zeigt Sciencefiction mit Special
Effects, bei den Briten bahnt sich schon früh der Erotik-,
Action- und sogar Splatterfilm an.
Was ist aus den ungeschnittenen, jedoch kompletten Filmen der
Frühzeit bis heute tradiert? Es gibt sie immer noch, als
Subgenre von Studentenfilmen, aber auch bei dem russischen Regisseur
Alexander Sokurow in Russian Ark (GUS 2002), der 300 Jahre russische
Geschichte in eineinhalb Stunden, an einem Ort, in einer Einstellung
erzählt. Die Plansequenz zeigt, wie man auch ohne Schnitt eine
Szene innerhalb eines Filmes gestalten kann. Was für die
Evolution in der Natur gilt, wenn eine Spezies ausstirbt ("They never
come back"), gilt offenbar nicht für die Evolution des
Films.
Das Grundprinzip des filmischen Erzählens, die raum-zeitliche
Aufeinanderfolge von audiovisuellen Momenten, ließ sich nicht
länger auf nur eine Einstellung beschränken. Alles aus nur
einem Blickwinkel zu zeigen und zu erzählen wurde bald für
die Filmemacher und auch für die Zuschauer unbefriedigend. Auch
die Kraft der Dynamik und Kinetik von Gegenständen und Lebewesen
in Aktion war nicht länger innerhalb einer einzigen Einstellung
zu bändigen, sondern drängte über ihre raum-zeitliche
Gebundenheit hinaus. So kam es im Laufe der filmischen Entwicklung
zur Omnipräsenz der Kamera mit ihrer räumlichen
Koordination, zeitlichen Begrenzung, Rhythmisierung, Orchestrierung
durch die Blickführung der Montage. Dabei machten die immer
komplexer werdenden Montagemuster innerhalb der Filmgeschichte enorme
Fortschritte.
Die Nahtstelle zwischen Single-Shot-Film und Multiple-Shot-Film liegt
um das Jahr 1900. Die Filmarchäologie kann den ersten Schnitt
nicht orten; er liegt eventuell im Dunkel einer noch nicht gefundenen
Büchse und zerfällt demnächst unwiederbringlich mit
seinem Träger, dem Häutchen aus Nitrozellulose, dem Film.
Aus den exakten Katalogbeschreibungen der Filmverkäufer vor 1900
lassen sich die ersten Schnitte verschollener Filme bei
Méliès schon vier Jahre früher vermuten, und ab
1898 gibt es die ersten überlieferten Mehreinstellungsfilme.
Schaut man sich nun die ersten Versuche an, durch Schnitte die
dynamischen Kräfte zu bändigen, die den Single-Shot-Film
über den Bildrand hinaus zu mehr als einer Einstellung zwingen,
findet man gleich von Anfang an Prototypen filmischer Grundmuster der
Montage, die dann in Serie gingen.
Die Frühgeschichte der Montage
Beispielhaft für das Raffinement erster innovativer Schnitte und
Montagen soll hier der Brite George Albert Smith genannt werden. Als
Mitglied der Royal Astronomical Society hatte er für seine
wissenschaftlichen Vorträge bereits projizierte Glasbilder
(Vorläufer des Dias) benutzt. Voller Neugierde, mit
Fähigkeiten zur filmischen Erzähllogik, kombinierte er als
einer der Ersten Einstellungen vermittels Schnitt. Er erkannte, dass
die Montage die Kontinuität des Erzählflusses aufheben
kann, aber nicht zerstören muss. 1899 demonstrierte der
Wissenschaftler und kinematografische Entertainer ein frühes
Beispiel für zwei kalkulierte Schnitte. The Kiss in the Tunnel
(GB 1899) schneidet von einer Kamerafahrt auf einer Lokomotive bei
Eintritt in das Schwarz des Tunnels auf eine zentralperspektivisch
aufgenommene Kussszene innerhalb eines Zugabteils und wieder
zurück auf die Kamerafahrt, diesmal aus dem Schwarz des Tunnels
heraus.
Auf diese Weise wird die statische Studioaufnahme des Abteils durch
Fahraufnahmen On Location eines realen Tunnels so dynamisch
aneinander geschnitten, dass die Kussszene (mit ihm und seiner Frau
als Akteure) folgerichtig in die Kontinuität der Zugfahrt aus
drei Einstellungen mittig eingeklammert ist. Dies ist eines der
ersten Beispiele von raum-zeitlich getrennt produzierten Aufnahmen,
die kausallogisch geschnitten einen ganzheitlichen Filmeindruck
vermitteln, wobei die harten Schnitte durch die "Schwarzblende"
(Tunnelein- und -ausfahrt) gemildert werden. Ein Remake des Filmes,
ebenfalls 1899, von Bamforth and Co., schneidet hart im Hellen, vor
und nach dem Tunnel.
Gewöhnlich versuchte man die ersten Schnitte zu dämpfen,
damit diese noch ungewohnten Manipulationen nicht hart erschienen.
Smith's Filmtraum, Let Me Dream Again (GB 1900), geht vor dem
einzigen Schnitt ins Unscharfe, um nach dem Schnitt aus der
Unschärfe die Überraschung des Traumes zu verdeutlichen.
Die Zuschauer erkennen retrospektiv, dass die charmante "Traumfrau"
nach dem Aufwachen durch die hässliche Ehefrau ersetzt ist. Mit
einem gemilderten Schnitt kommt so der Protagonist vom Traum in die
Realität und, ihm folgend, auch das Publikum. In Wirklichkeit
ist die charmante Frau im Traum die Ehefrau von George Albert Smith,
der im manufakturiellen Familienbetrieb mit ihrer Hilfe seine Filme
herstellte.
Auch den Vorläufer des Point of View Shot (POV) erfand Smith
1900 in Grandmas Reading Glass. Wir sehen zunächst einen Jungen,
der durch Großmutters Vergrößerungsglas schaut, dann
sehen wir durch mehrmaliges Unterschneiden des Sehaktes mit
Großaufnahmen, was der Junge sieht, gleichsam mit seinen Augen,
die Subjektive aus seiner Sicht. Das Schnittmuster hat sich erst etwa
15 Jahre später durchgesetzt und bis heute als POV gehalten.
Die ersten hart geschnittenen Ran- und Rücksprünge aus
einer totalen Draufsicht in das Geschehen der Studioszene bei Mary
Jane's Mishap or Don't Fool
with the Paraffin zeigt Smith 1903 durch abwechselnde Cut-Ins auf
Mary Jane (wiederum seine Frau) und Cut-Backs in die Ausgangstotale.
Sie hantiert mit einem explosiven Paraffinkanister, um ihren Herd
bequemer anzuzünden, und fliegt dabei natürlich in die
Luft. An den leicht holprigen, ungenauen Übergangen zwischen
Nah- und Übersichtsaufnahmen, zwischen Cut-In und Cut-Back,
sieht man, dass damals noch nicht überlappend gedreht wurde, um
die Schnittstelle besser einzufügen. Das leisten dann die
späteren Illusionisten Hollywoods, bei denen perfekte
Kontinuität zum Trumpf des unsichtbaren Schnitts wird.
Edwin S. Porter, Edisons erfindungsreicher Mitarbeiter und Pionier
auf dem Filmsektor (Regie, Kamera, Schnitt als One-Man-Team),
löst eine zeitgleiche (simultane) Handlung mit zwei
rudimentären Erzählsträngen schon früh in drei
Einstellungen auf. Das Grundmuster zeigt: Während in
Handlungsstrang A (E a) etwas passiert, geschieht in Handlungsstrang
B (E b) Folgendes und am Schluss kommen A und B zusammen (in E c).
Der Film, der ohne Titel aus einem New Yorker Archiv überliefert
ist, führt das frühe Grundmuster so aus:
E a Eine Frau wirft sich lebensmüde ins Wasser, Polizisten eilen
hinzu, um sie mit Hilfe einer Leiter aus dem Wasser zu ziehen (alles
von einem Kamerastandpunkt aus und mit einer Brennweite gefilmt). Als
die Polizisten die aus dem Wasser gerettete Frau ans Ufer legen,
kommt der erste Schnitt und zeigt:
E b Eine Sanitätskutsche mit einem Pferd trabt durch das
Filmbild aus der Tiefe des Raumes links an der Kamera vorbei.
E c Die Frau wird durch Armbewegungen reanimiert, das Pferd kommt mit
Krankenkutsche rechts ins Bild (Wahrung der Kontinuität des
Pferdes: bei E b links raus, bei E c rechts rein). Der Sanitäter
steigt aus, die Frau wird gerettet.
Es ist eines der ersten Beispiele von Rettung in letzter Minute,
deren Simultanmontagen zu den spannendsten Mitteln für den
finalen Höhepunkt ("Rescue in Last Minute!") der frühen
Filme gehören. Edwin S. Porter entwickelte dann später die
von ihm so genannte Continuity Form weiter.(9)
Auf diese Weise unterscheiden sich ab 1900 Filme mit mehreren
Einstellungen innerhalb einer aufgelösten Szenenabfolge im
identischen Raum (Multiple- Shot-Scenes) von Filmen mit zwei
Handlungssträngen, die zeitgleich an unterschiedlichen
Handlungsorten laufen und durch Cross Cutting (über Kreuz)
geschnitten werden, was dann in der Parallel- und Simultanmontage in
den nächsten Jahrzehnten weiterentwickelt wurde. Gleichzeitig
wurde die Möglichkeit des Kürzens eines abgefilmten
Ereignisses durch den Filmschnitt erkannt.
Im nonfiktionalen Bereich verkürzte der erfindungsreiche
deutsche Kamerapionier und frühe Filmemacher Guido Seeber eine
Staatsaktion von etwa eineinhalb Stunden zu einem Film von etwa
eineinhalb Minuten, als er die Ausfahrt der Chinakrieger auf dem
Dampfer "Straßburg" am 31. Juli 1900 in Bremerhaven filmte. In
den fünf Einstellungen leistete er folgende Verkürzung und
Verdichtung des Geschehens (10):
E 1 Soldaten stehen vor einem Steg, auf dem einige schon an Bord
gehen (Totale).
E 2 Die Reling näher, zwar als Ransprung (Cut-In), aber von
einem neuen Winkel.
E 3 Schwenk nach rechts (E 3a), weg von der Reling mit einer
totaleren Ansicht als zuvor, über eine Hafenmauer. Der Schwenk
kommt bei einem einfahrenden Kutter zur Ruhe (E 3b).
E 4 Schnitt zurück auf Deck (Cut-Back auf ähnliche
Einstellung wie E 2) mit den Honoratioren, die das Schiff
verlassen.
ES Auslaufen des Dampfers.
Guido Seeber filmte also repräsentative Einstellungen eines
Ereignisses, auf das er als Filmender keinen Einfluss hatte und das
sich nicht nach seinen Kamerapositionen und Einstellungen richtete.
Seeber machte aus der Not eine Tugend, und so bekam das Publikum
einen anschaulichen Eindruck vom Geschehen. Die nicht gefilmten und
nicht gezeigten Teile konnte man sich gut vorstellen und zu Anfang,
Mitte und Ende des Staatsaktes ergänzen - ein frühes
Beispiel für die verkürzten
"Einsfünfzehn-Minutenberichte" in den TV-News heutiger Machart.
Jedenfalls zeigten die dokumentarischen Filmemacher den Spielfilmern
schon früh, wie man mittels der Montage den zeitlichen Ablauf
eines Geschehens enorm verkürzen kann, vorausgesetzt man hat die
wesentlichen Einstellungen im Kasten.
So entwickelte sich der Film, der als ein auf der Zeit basierendes
Medium eine Kunst in der Zeit darstellt, zu einer neuen, die Zeit
aufhebenden Kunst vermittels der Montage. Da die Filmzeit über
zwei aneinander montierte Einstellungen hinweg nicht mehr mit der
Realzeit der beiden Einstellungen identisch sein musste,
eröffneten sich neue gestalterische Möglichkeiten: Man
konnte nun ein Ereignis aus seiner normalen Gebundenheit an Dauer und
Chronologie lösen. Allerdings kann man den Fortschritt in der
Montage nicht für sich betrachten, sondern muss ihn mit anderen
Entwicklungsschritten und qualitativen Sprüngen der
Filmproduktion verknüpfen.
Die Filme zeigen ab 1910 eine Heldin und /oder einen Helden, Stars,
die dem Publikum zur Identifikation angeboten werden. Das Starsystem
wurde zu einer tragenden Säule der Filmindustrie, die ab 1911
die manufakturielle Herstellungweise von Filmen ablöste. Mit
Beginn des Starsystems und gleichzeitiger Ausdifferenzierung des
industriellen Studiobetriebes begannen dann auch Schnitt und Montage
komplexer zu werden, außerdem kam es in der Filmindustrie zu
verstärkter Arbeitsteilung.
Nachdem es den Schnitt schon über zehn Jahre gab, entwickelte
sich um 1911 eine spezielle Profession die des Editors, hierzulande
damals "Schnittmeister" genannt -, die mit den ersten
abendfüllenden Filmen um 1913 unverzichtbar wurde. Nach 1913
bestand ein abendfüllender Spielfilm aus fünf und mehr
Spulen, die nahtlos hintereinander projiziert wurden und auch mehr
als das Fünffache an Schnitten aufwiesen, um die Erzählung
zu strukturieren. Und mit der industriellen Filmproduktion in den
Studios gewann neben der Regie auch die Produzententätigkeit der
Executive Producers, die den Gründervätern und Studiobossen
zur Seite standen, an Einfluss. Die Editors sind in der
arbeitsteiligen Hierarchie sowohl den Regisseuren als auch den
Produzenten gegenüber weisungsgebunden, insbesondere Letzteren,
da diesen das Recht des Final Cut eingeräumt wird (der
schließlich die Länge und Dauer des Filmes bestimmt),
während die Regie schon am nächsten Film und eventuell an
einem anderen Ort arbeitet.
Die ökonomische Logistik der Aufnahmen muss mit der Logik der
filmischen Erzählung in Einklang gebracht werden, damit die
achronologisch aufgenommenen Einstellungen später am
Schneidetisch passend montiert, werden können. "Take" bezeichnet
die Einstellung, die man kopieren lässt und für den Schnitt
herausnimmt. Damit die Einstellungen als Montageteile später am
Schneidetisch zusammenpassen, macht man vorweg die so genannte
Auflösung (Breakdown) des Drehbuchs, um beim Drehen später
schon die Lösung für die Einzeleinstellungen vorbereitet zu
haben. Produktion, Regie und Kamera planen die Auflösung
für den (oder am) Drehort (On Location oder Studio Set) sowohl
unter dem Aspekt der produktions- als auch erzähltechnischen
Ökonomie. Zum Beispiel werden alle Innen- oder Außendrehs,
die zu einem Set gehören, aus der Chronologie der späteren
Filmerzählung herausgenommen und hintereinander abgedreht. Ort,
Zeit und Handlungsablauf werden nun auch unter gestalterischen
Gesichtspunkten der späteren Montage durch die Auflösung so
fragmentiert, dass die Einstellungen untereinander kompatibel,
montierbar bleiben. Ab 1917 begann sich innerhalb der industriellen
Filmproduktion durchzusetzen, was später als Coverage-System und
180°-Schema bezeichnet wurde. Einen teilweise konträren
Kurs zur amerikanischen Entwicklung schlug zur gleichen Zeit das
"Russenkino" der revolutionären Filmavantgarde mit ihren
"Montagisten" in der UdSSR ein.
Russenkino
In den 1920er Jahren wurde das Montagekino insbesondere in der
noch jungen, vorstalinistischen Sowjetunion vorangetrieben, um den
unterschiedlichen Anforderungen des Erzählens und Mitteilens
gerecht zu werden. Auch die erste Filmhochschule der Welt, das WGIK
in Moskau, wurde 1919 als Ergebnis der russischen Revolution
gegründet, denn Lenin war der Überzeugung, "dass für
uns von allen Künsten die Filmkunst die wichtigste ist"
(11),
Der sowjetische Regisseur und Filmtheoretiker Lew Kuleschow begann
1920 als Mitbegründer dieser Hochschule in Workshops zu lehren
und führte mit den Studierenden auch Montageexperimente durch,
weil er wissenschaftliches Kalkül mit künstlerischer
Kreativität kombinieren wollte. Die Experimente sind verschollen
und nur durch Texte überliefert, somit der anschaulichen
Nachforschung und Überprüfung nicht zugänglich. Seine
Hypothesen gingen von den Grundgedanken aus, das Wesen des Films sei
nicht innerhalb der Grenzen des gefilmten Fragments, der Einstellung,
zu suchen, "sondern in der Verkettung dieser Fragmente", und 1928
ging er so weit zu sagen, dass "es nicht so wichtig war, wie die
Einstellungen aufgenommen wurden, sondern wie die Einstellungen
montiert wurden "(12). Es ging ihm letztlich um die aristotelische
Weisheit: Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile. Bei diesen
Experimenten wurde ein und derselbe Gesichtsausdruck mit
unterschiedlichen Objekten montiert und je nach Kontext wurde das
immer gleiche Gesicht eines Schauspielers unterschiedlich
interpretiert: hungrig beim Teller, traurig beim Sarg etc. Der so
genannte Kuleschow-Effekt, der gelegentlich anderen Regisseuren wie
z. B. Pudowkin fälschlich zugeordnet wurde, entspricht also dem
amerikanischen Reaktion Shot.
Für den sowjetischen Regisseur und Filmtheoretiker Sergej
Michailowitsch Eisenstein war die Montage das wichtigste Bauprinzip
und Wirkungsmittel des Films. Er soll hier - stellvertretend für
andere sowjetische Montagetheoretiker wie Wsewolod Pudowkin oder
Dsiga Wertow - als Repräsentant der antithetischen Haltung zum
Hollywoodfilm kurz erwähnt werden. In Eisensteins von
Experimentierfreude durchdrungenen Filmen zeigt insbesondere die
Revolutionstrilogie aus seiner ersten Montageperiode bis 1929 (dem
Beginn des Tonfilms) eine Vielfalt von praktischen und
intellektuellen Ansätzen zur Montage. Die Trilogie umfasst
Streik, den bekannten Panzerkreuzer Potemkin und Oktober (UdSSR
1927/28). 1928 tauchte bei Eisenstein zum ersten Mal der Begriff
"intellektuelle Montage" auf, den er aber nie genau definiert, wie er
überhaupt seine Klassifikationsversuche der Montage immer wieder
als Work in Progress nicht zum theoretischen Abschluss bringt,
bringen konnte. Kennzeichnend für seine Montagearbeit bleibt ein
intellektueller, konstruktivistischer Ansatz, der aber auch
emotionalisiert, indem Kontrast und Kollision der aufeinander
prallenden Einstellungen das Publikum erschüttern sollen.
Eisenstein hatte bei Kuleschow eine Einführung in die
Filmmontage bekommen und aus der industriellen Fertigung das Prinzip
Montage übernommen. Da die weltweite Filmherstellung
insbesondere mit der Industrialisierung der Produktion von
Automobilen parallel lief, kamen die Montageprinzipien (normierte
Fertigteile am Fließband zusammenbauen = Filmeinstellungen
passend zusammenkleben) dem allgemeinen Fortschrittsglauben
("Traktoroptimismus") der russischen Film-Intelligenzija entgegen.
Mit der industriellen Fertigung von Agrarproduktionsmitteln wollte
man den Hunger der Bevölkerung beseitigen und mit der
Montagefertigung von Filminhalten gleichzeitig die sowjetischen
Analphabeten über den Segen der Revolution aufklären.
Wie man durch Montage sozial engagierte Filme machen kann, erkannte
Eisenstein beim Betrachten der Arbeit des Hollywoodpioniers David
Wark Griffith. Dessen A Corner in the Wheat (USA 1909) kontrastiert
die Armut der Menschen in einem Bäckerladen mit dem Luxus eines
Weizenkönigs durch Cross Cutting. Dadurch ist Eisenstein auch
das manipulative Moment der Montage deutlich geworden, denn die
Kausalverknüpfung, die sich durch aufeinander folgende
Einstellungen ergibt, wird meist zwingend als folgerichtig
wahrgenommen. Kontrast und Kollision sind dabei auch schon von
Griffith politisch gemeint gewesen.
Bei Eisenstein kommt ab 1929 zu der intellektuellen Montage noch das
Prinzip der Superposition hinzu: Einstellung A plus montierte
Einstellung B ergibt, verkürzt ausgedrückt, C im Kopf des
Zuschauers (so wie in der japanisch-chinesischen Hieroglyphik aus
Tür (A) + Ohr (B) = Lauschen (C) wird oder sich aus dem
Schriftzeichen für Auge + dem Schriftzeichen für Wasser =
das zusammengesetzte Piktogramm Weinen ergibt). Eisenstein setzte
diesen Ansatz schon früher, 1924/25, in seiner Montagepraxis
für einen Aussagewunsch in Streik ein, indem er das
Niederschlachten der streikenden Arbeiter durch die berittene
zaristische Polizei (inszeniert mit Laien) im Cross-Cutting-Verfahren
mit dem Abschlachten von Rindern in einem Schlachthof
(dokumentarisch) parallelisierte.
Doch auch er revidierte diesen Aussageversuch, da er einräumen
musste, dass seine Montageintention zwar unter Intellektuellen in
Moskauer Kinos funktionierte, aber schon nicht mehr außerhalb
der Stadt auf dem Land, wo die Hungrigen bei dieser Szene im Kino
Rindersteaks und Fleischbrühe assoziierten. Bertolt Brechts
Satz: "Erst kommt das Fressen, dann die Moral" wurde somit durch
Streik bestätigt.
Mit dem konstruktivistischen Ansatz in seinen montierten
Filmsequenzen entfernt Eisenstein sich dagegen antithetisch von den
amerikanischen Vorbildern mit ihrer Dreierregel "Rule of Threes"
(für die Schnittfolge: Totale, Amerikanische, Nahe oder
Großaufnahme) oder der Montagekonvention von
Schnitt-Gegenschnitt. Für David Bordwell bedeutet
konstruktivistische Montage: "Anstatt in einer Totalen die Gesamtheit
des Raumes zu zeigen, wird es einfach dem Zuschauer überlassen,
sich anhand von Ausschnitten ein Bild vom Gesamtraum zu machen. Man
zeigt also nur Details, und der Zuschauer schließt aus ihnen,
wie die Gesamtheit aussieht. " (13) Eisensteins Raumauffassung im
Film ist also eine andere als die der frühen Amerikaner, wie
auch die "Eisensteinistin" Oksana Bulgakowa analysiert: "Der Raum
wird zergliedert und wieder zusammengefügt, ohne Rücksicht
darauf, wieso und mit welcher Berechtigung die Kamera sich nicht auf
der Achse dem Objekt nähert, warum plötzlich von links auf
rechts verändert wird." Und: "Es gibt in seinen Filmen kein
Handlungssubjekt, das in nachvollziehbarer Logik seine
Sehperspektiven wechselt und sie dem Zuschauer als Identifikation
anbietet. " (14)
Eisenstein setzt sich bei seiner Montagepraxis über die
harmonisierende raum-zeitliche Continuity hollywoodscher Provenienz
hinweg, um die Montage für filmische Ausdrucksmittel anders zu
nutzen, als es das Erzählkino seiner Zeit favorisierte. Dennoch
hat er, sogar in Hollywood, Nachfolger gefunden: Alfred Hitchcocks
berühmter Mord in der Dusche von Psycho (USA 1960) ist
konstruktivistisch, also ohne die übliche raum-zeitliche
Kontinuität mit einer Totalen (Mastershot), doch dafür umso
wirksamer, da man keinen Überblick bekommt und man in der
Fantasie aus den montierten Nah- und Großaufnahmen des Opfers
(Gesicht, Schulter, Hals, Bauch, ein Messer, Blut, das in den Ausguss
strudelt) den ganzen Mord im Kopf zusammensetzt und damit
nachvollzieht.
Im Panzerkreuzer wird in der berühmten Treppensequenz im
Montagestakkato von 166 Einstellungen innerhalb von zirka sieben
Minuten (die amerikanische Norm im gesamten Spielfilm waren damals
etwa 800 Einstellungen) eine ganze Reihe unterschiedlicher
Montagemuster durchexerziert, oft ohne auf richtigen Anschluss oder
präzise Kontinuität zu achten. Dennoch hat diese Sequenz
bis heute ihre Intensität behalten (insbesondere in Verbindung
mit der Musik Edmund Meisels) und löst immer noch empörende
Wut über die gewalttätige Staatsmacht aus. Bei Oktober, dem
Film zum zehnjährigen Jubiläum der Oktoberrevolution,
kommen zu den von Eisenstein schon erprobten Montagemustern die bis
heute befremdenden Bilderrätsel hinzu, die ihm selbst seine
wohlwollenden Kritiker nicht verziehen haben, obwohl Eisenstein seine
Montagen zum Teil selbstkritisch revidierte. Oksana Bulgakowa:
"Die Eisenstein-"Gegner", ob André Bazin, Siegfried Kracauer
oder Andrej Tarkowski, stellten seine Montagekonzeption als den
Sündenfall des Films dar. Montage zerstöre die physische
Realität, die fotografische Natur des Films, sie widerspreche
der wahren Filmpoetik - das war eine Meinung. Montage sei
gefährlich und autokratisch - eine andere. Montage wurde als
prädestiniertes Instrument zur Manipulation der Massenmeinung
interpretiert, als eine Technik, die dem Zuschauer einen Sinn
oktroyiert, welchen die Bilder selbst nicht innehaben.( ...)
Gleichzeitig übten gerade Einsensteins Montagen (und
Montagetheorie) eine magische Wirkung auf seine Verehrer aus. Die
Auseinandersetzung mit den Filmen und Texten dieses Experimentators
dauert an. Und ist in keinem Fall nur von retrospektivischem
Interesse diktiert." (15)
Eisensteins Montagen haben interessanterweise eher in der Werbung und
in Clips ein Echo gefunden, weniger im Mainstream des
Erzählkinos.
3 Hollywoodstil und internationale Montagernuster
Kaum hatte man begriffen, dass man Filmstreifen mit raum-zeitlich
differenten Ausschnitten aneinander kleben kann, um mehr
Möglichkeiten innerhalb der filmischen Darstellung und Narration
zu erreichen, wurden auch die Prinzipien erkannt und eingehalten,
nach denen man diese Einstellungen organisierte. Daher
berücksichtigt die Auseinandersetzung mit der Montage immer auch
ihre Rezeption durch die Zuschauer. Die Sukzession der Einstellungen
wurde nach einem sich ständig weiterentwickelnden
kinematografischen Regelsystem montiert, damit es bei den Zuschauern
nicht zu Konfusion und Irritation durch raum-zeitliche
Desorientierung kam. Denn das wäre ein Risiko für die
Refinanzierung der in einen Film gesteckten Produktionskosten.
Deshalb hat sich auch im angelsächsischen Raum der methodische
Begriff Analytical Editing für die kompatiblen innerszenischen
Schnitte durchgesetzt.
Die komplexe und hoch organisierte Filmindustrie hat daher im
amerikanischen Studiosystem die Filmmontage standardisiert, das
Coverage-System und das Continuity-Prinzip wurden maßgeblich
für Auflösung und Montage. Bis heute ist die
Filmbetrachtung im Kino von diesen Montageprämissen so
geprägt, dass es als selbstverständlich und normal
angesehen wird, wenn ein Film nach dieser für Hollywood
üblichen Studionorm montiert ist.
Coverage-System
Normalerweise genügte im Stummfilm eine Kamera zur Aufnahme
einer Szene, wobei die Kamera mit der Standardeinstellung des
Master-Shot die Szene insgesamt coverte, also die Handlung mit einer
ununterbrochenen Einstellung (Cover-Shot) abdeckte. Daneben wurden
aber auch andere Einstellungsarten gewählt, um Abwechslung und
gezielte Aufmerksamkeitslenkung beim Publikum zu erreichen. Damit
diese Einstellungen zusammenpassten, entwickelte man das
Coverage-System. Die Einstellungen in einer Szene
(Multiple-Shot-Scene) mussten bei der Umstellung auf den Tonfilm
zwischen 1927 und 1930 zunächst mit mehr als einer Kamera
aufgenommen werden. Beim frühen Tonfilm wurde mit multiplen
Kameras (zwei bis sechs Kameras gleichzeitig) gedreht, um die
Handlung auch akustisch ununterbrochen auf einem einheitlichen
Tonstreifen schneiden zu können, wobei der ununterbrochene, die
ganze Szene erfassende Cover-Shot (schon früher auch als
Master-Shot bezeichnet) die Tonkontinuität garantierte, um das
Geschehen nicht nur visuell, sondern auch auditiv zu covern. Dadurch
konnte die Handlung von verschiedenen Positionen aus gleichzeitig mit
synchronem Ton erfasst werden, und beim Umschnitt von einer
Kameraposition auf die andere blieb die mit Lichtton kopierte Tonspur
auf dem Filmstreifen kontinuierlich. Mitte der 30er Jahre hatte sich
der Tonschnitt als ein vom Bild getrennter autonomer Bereich
etabliert und man konnte wieder mit nur einer Kamera für die
Kontinuität überlappend drehen. (16)
Die klassische Auflösung der Szene (Single-Space-Scene) für
die Montage unterschied1icher Einstellungen (Multiple-Shot-Scene)
erfolgte mit dem Tonfilm nach dem standardisierten Coverage-System.
Dieses beinhaltet wiederum drei Prinzipien:

- Die Auflösung des Handlungsraums findet innerhalb des
180°-Schemas statt.
- Das Kontinuitätsprinzip dominiert die
Schnittübergänge im Handlungsraum.
- Der Einstellungswechsel folgt außerdem noch der
30°-Regel.
180°-Schema
Das 180°-Prinzip, auch (Handlungs-)Achsenschema genannt,
belässt den Zuschauer auf einer Seite der Handlung, ähnlich
dem Zuschauerraum im Theater. Die Handlungsachse strukturiert und
reguliert damit die Anordnung der Darsteller, ihre Blickrichtungen
und ihre Bewegungsrichtungen im Handlungsraum, dem ABC-Bereich.
Steven D. Katz erläutert das in seinem Handbuch zur Filmsprache
so:
"Der Sinn und Zweck der Handlungsachse ist relativ simpel: Sie ordnet
die Kamerapositionen so, dass auf der Leinwand die Richtung von
Bewegungen durchgängig erscheint und die räumliche Einheit
erhalten bleibt ... Wir können uns die Handlungsachse als eine
imaginäre Trennlinie vorstellen, die durch den Raum vor der
Kamera verläuft. Ursprünglich wurde sie erfunden, um
sicherzustellen, dass man im Schnitt Einstellungen von einer Szene
verwenden kann, die man aus unterschiedlichen Perspektiven gedreht
hat, ohne auf der Leinwand eine irritierende Umkehr von links und
rechts hervorzurufen." (17)
Der szenische Handlungsraum wird durch einen ununterbrochenen Master
Shot als Protection- oder Insurance Shot von der Kamera (A 1) so
gecovert, dass man im Zweifelsfall immer auf diesen funktionalen
Einstellungstyp mit konstantem Raumüberblick rekurrieren kann.
Man spricht dann auch von Reframing durch Cut-Back in den
Establishing Shot. Dieser Einstellungstyp steht in der
räumlichen Tradition des Tableaus und des Blicks auf die
Guckkastenbühne und lieferte zum Beginn der Multiple-Shot-Scenes
den Auftakt der Szene, daher wird er auch als Opening Shot bzw.
Establishing Shot bezeichnet.
Die vielfältigen Bezeichnungen für die Totale einer Szene
(Cover Shot für den raum-zeitlich ununterbrochenen
Überblick, oder Master Shot, Establishing oder Opening Shot zur
Szeneneröffnung) zeigt, wie der funktionale Zusammenhang in der
Praxis die Begriffe unterscheidet. Cut-In und Cut-Back auf der
zentralperspektivischen Kameraachse (A 2 und Al) zum Re-Establishing
Shot ermöglichen Aufmerksamkeitsfokussierung und Überblick.
Der Raum wird außerdem durch die schon erwähnten
Einstellungsgrößen wie Totale, Halbnahe,
Großaufnahme etc. je nach Aufmerksamkeitsverteilung und
Blickführung bezüglich der Darsteller schon bei der
Auflösung von Regie und Kamera gegliedert. Die Editoren
entscheiden letztlich, welcher Einstellungstyp an welcher Stelle im
Film in welcher Länge erscheint.
Die Identifikation mit den Protagonisten wird durch deren subjektive
Sicht mittels Point of View Shots (POVs von B 3 und C 3 aus)
verstärkt und mittels Over the Shoulder Shots (OTS über die
Schulter der angeschnittenen Person, B 2 und C 2) etc.
vervollständigt, sodass sich dann beim Tonfilm, insbesondere bei
Dialogszenen, das SRS-Prinzp (Shot/Reverse-Shot oder
Schuss-Gegenschuss B 1 und C 2) durchgesetzt hat. Der
Schuss-Gegenschuss, auch Schnitt-Gegenschnitt genannt, wurde das
vorherrschende Prinzip für die Standardsituation des Dialogs.
Insbesondere beim Western, dem genuin amerikanischen Genre, im
Showdown zwischen Protagonist und Antagonist wurde der
Schuss-Gegenschuss (B 1 und C 1) bezeichnenderweise als Topos
zelebriert. B 5 und C 5 liefern die Profilansicht der Darsteller.
Das Dreieck der Kamerapositionen A, B, C bildet die trianguläre
Anordnung, von der aus systematisch sämtliche
Grundeinstellungen, die von einem Objekt möglich sind, von drei
Punkten aus innerhalb des 180°-Arbeitsbereichs aufgenommen
werden können. Von diesen drei Punkten kann der Handlungsraum
kontinuierlich gecovert werden, weswegen sich das Coverage-System
kinematografisch gehalten hat. Denn jede Einstellung aus einer
Position im Dreieck kann mit jeder anderen daraus verbunden werden.
Das System deckt alle wesentlichen Einstellungsgrößen und
Kameraperspektiven für Dialogszenen ab, um die
Kontinuitätswirkung zu gewährleisten.(18)
Coverage liefert bis heute die Standardlösung für den
elektronischen Schnitt bei Live-Fernsehen, Quizshow und Sitcom.
Alles jenseits der Achse, im XYZ-Bereich, schafft beim Umschnitt
innerhalb der Szene einen "Achsensprung" (Crossing the Line) und
damit Desorientierung beim Zuschauer - es sei denn, ein Pivot Shot
(eine "Scharniereinstellung" durch eine Fahrt oder einen Schwenk
über die Achse) dient als Verbindungseinstellung beim Umschnitt.
Zum Beispiel kann auch die Kamera zentral auf der Achse
gegenüber positioniert werden, den Bewegungen eines Akteurs mit
einem Schwenk folgen oder durch eine ununterbrochene Kamerafahrt
über die Achse den räumlichen Übergang klären und
verknüpfen, um die bisherige mit der neuen Achse im neuen
Aktionsradius des Handlungsraumes zu etablieren.
Die Auswahl der Kamerapositionen folgt bei der Montage auch
Gesichtspunkten der Emotionalität, etwa dem Grad der
Identifikation mit den Protagonisten. So werden auch die
Nähe-Distanz-Relationen der sich im Raum befindenden Personen
durch die verschiedenen Einstellungsgrößen akzentuiert.
Das Close-up berührt als Großaufnahme beispielsweise die
Intimsphäre, da sie die soziale Distanz im Handlungsraum
reduziert. Das Coverage-System, im Gegensatz zur konstruktivistischen
Montage eines Kuleschow und Eisenstein, orientiert sich am Star, am
Dialog, und ist damit schauspielzentriert. Dennoch muss die Montage
die Blickführung des Zuschauers beachten, denn sein Blick, nicht
der des Stars, ist immer das Wichtigste, für ihn wird inszeniert
und montiert. David Bordwell: "Was die Filmfigur sieht, ist nicht so
wichtig ... Das Entscheidende ist, was wir dem Zuschauer an
Informationen zuführen oder vorenthalten. Unser Blickwinkel
zählt und nicht derjenige der Figuren." (19)
Kontinuitätsprinzip
Das flankierende Prinzip der Kontinuität ist eng mit dem
Verfahren des Coverage-Systems verknüpft und war prägend
für den klassischen Hollywoodstil der 30er und 40er Jahre, der
durch Regisseure wie John Ford, Howard Hawks, Alfred Hitchcock, John
Huston u. a. repräsentiert wird. Die Filmwissenschaftlerin
Christine N. Brinckmann analysierte ihn so:
"Der Schnitt, wichtigstes Kriterium dieses Stils, verfährt nach
den Gesetzen der Kontinuität. Eine Szene soll ohne spürbare
Brüche als Einheit wahrgenommen werden, auch wenn sie aus vielen
separaten Einstellungen besteht. Geschnitten wird nach der Logik des
Geschehens, unaufdringlich funktional und daher sehr transparent. Da
die Schnitte weder willkürlich noch selbstzweckhaft sind, ist
ihr Sinn unmittelbar ersichtlich; so verschwinden sie aus dem
Bewusstsein der Rezipienten wie Punkte und Kommas zwischen den Worten
eines Textes ... Um einer solchen Kontinuitätsmontage zu
genügen, muss das gedrehte Material so weit genormt sein, dass
es sich flexibel aneinander fügen lässt. Daher hält
die Hollywood-Kamera feste Regeln ein, was die Kamerapositionen im
Raum betrifft: Zum Beispiel beachtet sie die 180°-Achse, deren
Überschreitung zur Desorientierung des Zuschauers führen
konnte." (20)
Beim Continuity-Cutting innerhalb einer Bewegung über zwei und
mehrere Einstellungen im gleichen Raum hinweg kann nun vor,
während oder nach dem Bewegungsablauf geschnitten werden. Bei
der Aufeinanderfolge im Coverage wird außerdem noch die
30°-Regel beachtet, um eine prägnant anschauliche Differenz
im Wechsel der Einstellungsgrößen zu erreichen.
30°-Regel
Die 30°-Regel besagt, dass sich die Kameraposition einer
Einstellung mit ihrer Perspektive zur vorherigen (bei identischem
Raum und gleichem Sujet) um mindestens 30° unterscheiden muss.
Alternativ verlangt die klassische Einstellungsfolge der
innerszenischen Montage eine ebenso offensichtliche Differenz der
Einstellungsgröße zur vorherigen. Hier muss sich zwar
nicht der Winkel der Kameraposition zur Handlungsachse ändern,
aber der Ausschnittswinkel (Bildwinkel, Angel of View, der in
Winkelgrad gemessene Bereich, den ein Objektiv aufnimmt). Das
heißt, die Differenz zwischen den Einstellungen sollte für
die Filmwahrnehmung prägnant sein, um in der Montagekonvention
des Erzählkinos zu funktionieren. Hinzu können expressive
Einstellungen mit extremen Kamerawinkeln und perspektivischen
Positionen kommen, die so genannten Impossible Shots, wie zum
Beispiel aus einem Kristalllüster an. der Decke oder die hinter
einem Kaminfeuer platzierte Kamera.
Es ist heute nicht unüblich, dass die Produktion im
amerikanischen Studiosystem verlangt, dass eine Szene mit der
vorgeschriebenen Variation von Einstellungen nach dem Coverage-System
inszeniert, gedreht und montiert wird. Dies kann vertraglich von der
Produktionsfirma festgelegt werden, die sich auch das Recht des Final
Cut vorbehält. Und Daniel Arijon sagt in seinem Standardwerk
"Grammatik der Filmsprache":
"Man kann sagen, dass diese Produktionsmethode (mit Coverage, d. A.)
in hohem Maß von Sicherheitsdenken geprägt ist. Die von
europäischen Filmemachern so geschätzte individuelle
Urheberschaft hat in einem System, das lediglich kompetente
Handwerker verlangt, einen eher geringen Stellenwert. Das soll keine
Kritik an dieser Produktionsmethode sein. Aus der Sicht eines
Wirtschaftszweiges, der einen hohen Ausstoß an Filmen
produzieren muss, ist ein schneller, kompetenter Arbeiter einem
individualistischen Künstler, der für die Umsetzung seiner
Ideen mehr Zeit braucht, vorzuziehen. Die in der Filmwirtschaft
bestehenden Zwänge, möglichst zeit- und kosteneffektiv zu
arbeiten, erzeugen einen enormen Druck." (21)
Diese Verpflichtung auf das Coverage-System gegenüber dem
produzierenden Studio sollte vor allem das eigensinnige Schneiden in
und mit der Kamera verhindern. "Schneiden in der Kamera ist wie ein
Drahtseilakt ohne Netz", meint Katz, bemerkt aber sogleich, dass den
nach dem Coverage-System geschnittenen Szenen oft visuell
interessante Ansätze fehlen. (22)
Ein Beispiel für Luis Buñuels Arbeitsweise soll diesen
vom Studio missbilligten Stil verdeutlichen. Sein langjähriger
Mitarbeiter Jean-Claude Carrière charakterisiert dessen
Auflösung und Montage:
"Buñuel kam an den Drehort ohne geschriebene découpage
(Auflösung, d. A.). Er nahm seinen Sucher und schuf seine
découpage, das heißt, er probierte sie in dem Augenblick
aus, da er drehte, was eine große Kenntnis seines Metiers
voraussetzt sowie die Gewohnheit schnell zu drehen (die er in Mexico
angenommen hatte). Wenn er in seiner découpage den
Schauspielern mit seinem Sucher folgte und an eine Stelle kam, wo er
nicht mehr wusste, wie er da wieder wegkommen sollte, hörte er
auf und wechselte den Kamerawinkel, ging so zu einer anderen
Einstellung über. Er "schnitt" bei der découpage und beim
Drehen (denn er hat niemals "Montagearbeit" gemacht), da er, wie
allgemein bekannt, nie mehr als zwei Tage brauchte, um den Film zu
schneiden, jedenfalls was den Bildschnitt angeht." (23)
Da Buñuel immer einen Tag früher fertig war, als es der
Drehplan vorsah, verziehen ihm die Produzenten seinen eigenwilligen
Arbeitsstil. Auch Billy Wilder überlistete bei seinen Arbeiten
für Paramount das Studio durch Schneiden in und mit der Kamera,
bekam aber Ärger mit der Studioführung. Wilders Credo
hieß: "Thou shalt not bore! Ich habe zehn Gebote. Die ersten
neun heißen: Du sollst nicht langweilen! Das zehnte lautet: Du
sollst das Recht auf den Endschnitt haben! " (24)
Dialogmontage
Das Coverage-System findet seine häufigste Anwendung bei der
Standardauflösung von Dialogen und deren Montage, da die
dialogische Szene meist in einem Raum (Single-Space Scene)
stattfindet, wofür Coverage gedacht ist. Die variable
Dreiecksanordnung mit den klassischen Positionen: schräg von
vorn (halbnah oder nah) durchgehende Zweier- (Master) und
Einereinstellung, Over Shoulder (OS) und Point Of View Shots (POV)
sowie eventuell Profilaufnahmen (Profile Shots; B5, CS)
ermöglichen Orientierung, Übersicht und Identifikation mit
den Protagonisten während des Dialogs. Diese Kamerapositionen,
mit unterschiedlichen Einstellungsgrößen gedreht, sind in
der Regel für die Grundinterpretation einer Dialogszene
ausreichend. Das vom Sicherheitsdenken geprägte Coverage kann
aber auch in sein Gegenteil umschlagen, wenn jede Einstellungsart in
ihrer vollen Länge ausgespielt und aufgenommen wird. Dann artet
die Auflösung in eine Materialschlacht aus, die eine
unökondmische Quantität auf Kosten von Qualität mit
sich bringt. Bei wenig entscheidungsfreudigen Regisseuren wird die
Verantwortung damit vollends an den Editor weitergegeben, da es ihm
obliegt, den für jedes Gespräch typischen Frage-
Antwort-Rhythmus herauszuarbeiten. Da hilft es, die unterschiedlich
montierten Dialogversionen im digitalen Schnittsystem abzuspeichern,
um die Entscheidung an die Regie zurückzugeben. Es sei denn, der
Editor montiert dann doch autonom.
Die Dialogmontage innerhalb des Coverage hat einen professionellen
Look und erlaubt außerdem Korrekturen und Schadensbegrenzung
bei schlechten oder misslungenen Leistungen der Darsteller. Der
Schnitt legt letztlich fest, ob ein Akteur im On oder im Off gezeigt
wird. Nur kann auch der Editor nicht grenzenlos die schlechten Takes
eines Akteurs durch die Reaktionen des anderen Protagonisten
ersetzen, statt Action nur Reaction zeigen, denn die
Glaubwürdigkeit einer Dialogszene würde bei zu vielen
Reaction Shots reduziert.
Zur Psychodynamik und zum Binnenrhythmus der Dialogmontage
Grundsätzlich wird am Schneidetisch auch die Psychodynamik eines
Gesprächs herausgearbeitet und festgelegt, denn bei jedem Dialog
entsteht eine nur für diese spezielle Situation eigene
Dialogdynamik, mit dem nur für diese Situation eigenen Rhythmus.
Dieser Rhythmus entzieht sich einer klaren Definition (wie man beim
Tanzen mit der einen Person im Rhythmus bleiben und mit der anderen
beim selben Musikstück aus dem Rhythmus geraten kann, ohne genau
zu wissen, warum). Oft können die Darsteller innerhalb ihrer
Proben aus Zeitmangel und Sparzwang den gesamten Binnenrhythmus eines
Gesprächs gar nicht mehr entfalten, da beim Drehen zu wenig Zeit
war, um unter den Personen den Dialog in seiner Einzigartigkeit
auszuprobieren und zu erspüren. Dann wird gleich in isolierte
Einstellungen aufgelöst, die meist mehrmals wiederholt werden,
bis die besten "im Kasten" sind. Wenn bei dieser fragmentierten
Auflösung dann auch noch der wirkliche Schauspieler als
Dialogpartner aus den schon erwähnten Zeitgründen beim
Drehen durch einen Assistenten ausgetauscht wird, kommt die
Dialogintensität schwerlich zustande, die bei einem wirklichen
Gegenüber entstehen würde. Der zusammengeschnittene Dialog
simuliert durch die Montage zwar eine ganzheitlich kontinuierliche
Gesprächssituation, aber das gewisse psychodynamische Etwas
fehlt, was vom Zuschauer unterschwellig registriert wird. Der Editor
und Montagehistoriker Don Fairservice hat dazu folgendes Beispiel aus
der Filmgeschichte aufgeführt: David 0. Selznick war als
Produzent gegen die fehlenden Off-Screen-Partner beim Drehen von
Dialogen und schickte daher während der Dreharbeiten zu Rebecca
(1940) ein Memo an Hitchcock. Denn der Regisseur hatte bei einer
Schlüsselszene am Schluss die Nahaufnahmen von Laurence Olivier
und Joan Fontaine ohne ihre Off-Screen-Partner für
Schuss-Gegenschuss gefilmt. Selznick war der Meinung, beide
hätten in Anwesenheit ihrer Partner noch besser gespielt."
Daniel Arijon macht in seiner "Grammatik der Filmsprache" auf die
Funktion der Reorientierungseinstellung (Re-Establishing Shot) beim
Dialog aufmerksam: "Um das Interesse des Zuschauers an einer Szene
aufrechtzuerhalten, müssen wir ihn von Zeit zu Zeit daran
erinnern, wo sich die Handlung, die er aufmerksam verfolgt, abspielt.
Das bedeutet, dass wir im Verlauf der Sequenz mindestens einmal eine
Einstellung einfügen, die der Reorientierung dient. "
Dialog-Cutting-Point
Einen Dialog kann man also nicht allein nach dem Text oder nur auf
den gesprochenen Inhalt hin schneiden, da es auch einige andere
Variablen der Szene zu berücksichtigen gilt. Nun gibt es beim
gefilmten Dialog für die Montage den Konflikt konkurrierender
Möglichkeiten: Man kann den Dialog-Cutting- Point nach visuellen
oder auditiven Aspekten auswählen. Die Konkurrenz von verbal und
visuell regelt den Austausch der Bilder, denn ein Bild kann oft mehr
sagen als Worte, hinzu kommen Schnaufer, Atmen, Pausen, alles spielt
eine Rolle. Visual Cutting Points im Visavis von Schuss-Gegenschuss
hängen immer auch von der psychologischen Interpretation ab.
Daher wird jeder Editor eine Dialogszene bei identischem
Ausgangsmaterial anders montieren und damit unterschiedlich
interpretieren, weil bei jedem das emotionale Reagieren und die
individuelle Alltagserfahrung mit ins Spiel des Dialogschnitts
kommen.
Der pragmatische Ansatz der angelsächsischen Editors bei Film
und Fernsehen hat zu einer Faustregel für den
Dialog-Cutting-Point geführt, die dann gilt, wenn unter
Zeitdruck, Stress und Entscheidungsblockade der Cutting- Point nicht
anders gefunden werden kann. Die Regel besagt, nach dem ersten Vokal
im Satz des Antwortenden umzuschneiden, also zum Beispiel beim a von
Hans, wenn die Anwort hieße: "Hans, du irrst dich." Diese Regel
folgt dann auch der sinnesphysiologischen Prämisse "Das Auge
folgt dem Ohr" für den akustischen Umschnitt oder Cut Away (B4,
C4) zur auditiven Quelle, die sich im Off außerhalb des Bildes
befindet. Der Vokal ist der dominante akustische Akzent, dem das Auge
folgen möchte, um zu sehen, wer was zu wem sagt. Beim
Cutting-Point gibt es noch Folgendes zu beachten, auf das der
amerikanische Regisseur Sidney Lumet hingewiesen hat:
"Eine gute Stelle für einen Tonschnitt liegt auf einem
Verschlusslaut, einem p oder einem b. Auch bei einem s funktioniert
es gut. Eigentlich kann man bei den meisten Konsonanten zwei
verschiedene Tonspuren zusammenkleben. Bei Vokalen ist das
schwieriger, weil sie selten die gleiche Tonhöhe aufweisen und
man den Unterschied an der Klebe- oder Schnittstelle hören
kann." (26)
Die Montage erlaubt zusätzliches Dynamisieren, wenn zu viele
Pausen entstanden waren, von denen einige durch den Schnitt
verkürzt werden müssen. Andererseits gibt es aber auch die
Möglichkeit, Pausen einzumontieren, wenn die Dialoge zu hektisch
geführt wurden. Die Länge der Pausen oder die
Einfügung bzw. Entfernung einer Pause wird vom Schnitt beim
Dialog-Cutting- Point bestimmt. Um am Beispiel der Sprechpausen, die
durch die Montage manipuliert werden können, auf die
Komplexität der Psychodynamik des Dialog-Cutting-Points
hinzuweisen, sollen einige Phänomene erwähnt werden, die
der Psychologe Linus Geisler ausführlicher auflistet. (27)
Die Pause im Gespräch kann als essenzieller Bestandteil des
Dialogs angesehen werden, da sie eine besondere Form des Schweigens
darstellt, wie das Wortspiel "beredtes Schweigen" verdeutlicht. Die
Sprachpause kann gesprächstechnisch wirkungsvoll als kurze
Überlegung (Entscheidungspause) ohne großen Zeitverlust
eingesetzt werden. Andererseits kann sie als besondere Form des
Schweigens im Reaction-Shot als Ausdruck aktiven Zuhörens
montiert werden, verstärkt durch nonverbales Nicken,
Zulächeln etc. bei Zustimmung. Eine Pause kann auch bewusst als
unerwünschte Gesprächsunterbrechung eingesetzt werden, als
Ablehnung, als Überforderung, als Ruhe vor dem Sturm. Mit
anderen Worten: Ein Dialog lebt auch von seinen Pausen, seinem
Schweigen.
Wie beim Showdown im Western, der durch Schuss-Gegenschuss
charakterisiert ist, kann ein Dialog zwischen Protagonist und
Antagonist zum Duell werden. In The Silence of the Lambs (Das
Schweigen der Lämmer, R: Jonathan Demme, USA 1990) hat die
Protagonistin, FBI-Agentin Clarence Starling (Jodie Foster), in der
Exposition eine Konfrontation mit dem Antagonisten, dem inhaftierten
Kannibalen Hannibal Lector (Antony Hopkins), wobei sich beim Dialog
ein Powerplay abspielt, das zwar innerhalb des Schuss-Gegen-
schuss-Schemas montiert, aber mit aller Raffinesse durchgespielt
wird. Das ganze Repertoire von Over Shoulder, Point of View, Action
und Reaction kommt - ohne schematisch zu wirken - spannungssteigernd
zur Geltung.
Bewegungsschnitt
Im typischen amerikanischen Film, oft mit dem Synonym "Movie"
bezeichnet, ist die Dynamik der Protagonisten mit ihren Vehikeln oft
der Antrieb für die Story: "motion is emotion".
Äußere Bewegung wird mit Gefühl - als innerer
Bewegung - gleichgesetzt. Filmhistorisch unterscheidet sich bis in
die 50er Jahre daher auch die Dynamik der Montagemuster zwischen der
Alten und. der Neuen Welt. Während die Amerikaner an der
Schnittstelle, dem Cutting- Point, oft innerhalb einer
kontinuierlichen Bewegung umschneiden, ziehen die Europäer die
eher statische Gliederung innerhalb der Szene vor, die am Tafelbild
und Tableau orientiert ist (Cut-In, Cut-Back, Shot-Reverse Shot).
Auch die konstruktivistische Montage russischer Prägung forciert
nicht den weichen Bewegungsschnitt, sondern den Aufeinanderprall der
Einstellungen, die Kollision. Hollywoods Traumfabriken dagegen
fördern mit dem Illusionskino den unsichtbaren, weichen Schnitt,
der nicht auffällt und nicht durch einen medialen Akzent aus der
Geschichte herausreißt. Unsichtbare Schnitte (Smooth Cuts)
lassen sich mit durchziehenden Bewegungen über die Schnittstelle
hinweg bewerkstelligen, da das Auge vordringlich der Bewegung von
einer Einstellung in die nächste folgt und somit den Schnitt
"übersieht". Daher ist der Bewegungsschnitt mit dem Prinzip der
Kontinuität verknüpft. Dabei unterscheidet man Bewegungen
auf der Stelle von der Bewegung als Zurücklegen einer
Strecke.
Bewegungsschnitte können innerhalb einer Szene und eines Raumes
sowohl bei Dialogszenen als auch anderen, mehr handlungsorientierten
Szenen bis hin zu Actionszenen Anwendung finden. Schneiden innerhalb
der Bewegung von einer Einstellung zur nächsten kann zum
Beispiel von einer Halbtotalen zur Nahen (oder umgekehrt) auf der
identischen Blick-/Kameraachse auch als Cut-In stattfinden. Der
Umschnitt im Bewegungsablauf - ob vor, in oder nach der Bewegung -
hängt auch hier von der Erfahrung und dem Gespür des
Editors ab.
Man kann mit Montage außerdem Ereignisse durch
Bewegungsschnitte quer zur Kameraachse dynamisieren. Zu diesem Zweck
muss man dann natürlich zunächst überlappend gedreht
haben, das heißt, man muss für den Anschluss jeweils die
Einstellungen mit den Bewegungsabläufen am Anfang und Ende
doppelt drehen und bei den unterschiedlichen Versionen die
Bewegungstempi beibehalten, um die Kontinuität zu wahren. Auch
hier kann die Montage noch einen Akzent setzen, indem sie eben nicht
punktgenau innerhalb der Kontinuität umschneidet, sondern ein
paar Frames früher (was den Ablauf beschleunigt) oder ein paar
Frames später (was ihn verzögert). Arijon weiß zum
generellen Bewegungsschnitt ein Rezept:
"Das Zusammenbauen eines Bewegungsablaufs durch das
Aneinanderschneiden separat gedrehter Einstellungen verleiht dem
Medium Film eine nur ihm eigene Vitalität. Weil es mehrere
Blickwinkel auf das Ereignis ermöglicht. Wenn man zwei
Einstellungen, die denselben Bewegungsablauf aus unterschiedlicher
Warte zeigen, für die Montage zur Verfügung hat, sollte man
nach einer bewährten Faustformel für das erste Drittel des
Bewegungsablaufs die erste und für die restlichen zwei Drittel
die zweite Einstellung verwenden. Das ist keine strenge Regel, aber
ein guter Einstieg." (28)
Auch eine Drehbewegung kann sich für den Umschnitt eignen, dabei
erfolgen Ransprünge (Cut-Ins) auf der Blickachse beispielsweise
von einer Halbnahen auf eine Nahe, wenn in der einen Einstellung die
Drehung der Figur (Körper, Kopf) beginnt und in der anderen
fortgesetzt wird und/oder endet. Damit lenkt man die Aufmerksamkeit
beim Zuschauer um.
Bewegungsschnitte gelten auch innerhalb der
Schuss-Gegenschuss-Abfolge, bei angrenzendem Raumwechsel durch
Türen, bei Aufwärts-, Seitwärts- und Querbewegungen
durch den Raum. Dabei unterscheidet man noch zwischen Bewegung ins
Bild hinein und aus dem Bild hinaus. Beim Inner-Frame-Cut ist
der Akteur noch im Bild, beim Frame-Cut ist der Akteur beim
Schnitt zum Teil noch angeschnitten am Bildrand, beim
Free-Frame-Cut schneidet man, nachdem der Akteur das Bild
verlassen hat.
Zwischenschnitt
Hinter diesem scheinbar einfachen Montagemuster verbirgt sich eine
ganze Reihe von Möglichkeiten, etwas in einen Ablauf
dazwischenzuschneiden: Cut Away, Insert, Continuity-Shot und
Bridge-Shot. Cut Away als Schnitt auf etwas außerhalb des
Mastershots Liegendes wurde schon erwähnt. Unter einer
insertiven Montage versteht man das "Dazwischen-" oder
"Unterschneiden" von Inserts (Zeitungsüberschriften, Briefe,
Landkarten, Dokumente), manchmal auch das Einfügen von
Zwischentiteln. Meist hat der Zwischenschnitt jedoch die Funktion,
das fotografierte Geschehen als kontinuierlich erscheinen zu lassen,
indem die in Wirklichkeit bei den Dreharbeiten entstehenden Pausen,
Auslassungen oder Veränderungen überbrückt werden.
Beim Spielfilm ist das ein übliches Verfahren, um zu kaschieren.
Man schneidet auf Ausweicheinstellungen oder
Überbrückungseinstellungen (Bridge-Shots).
Der bisher unübertroffene avantgardistische Schock in der
Kinematografie
verdankt sich einem Zwischenschnitt. Luis Buñuels Un chien
Andalou (Ein
andalusischer Hund, F 1928) attackiert unsere Augen auf eine
besondere Art, die der Stückeschreiber, Schriftsteller und
Experimentalfilmer Peter Weiss folgendermaßen beschreibt:
"Ein Mann steht am Fenster (Buñuel selbst), ein Rasiermesser
schleifend, eine Zigarette im Mundwinkel. Er schaut aus dem Fenster,
eine Wolke nähert sich dem Mond. Ein Frauengesicht taucht auf,
mit offenen Augen. Das Rasiermesser schneidet in das Auge und
zerteilt es. Die Wolke ist am Mond vorbeigezogen ... In einer
drastischen Attacke wurde das Auge, das sich etwas Schönes,
etwas Interessantes erwartet hatte, zerschnitten. Was jetzt in Aktion
gesetzt wurde, ist das zentrale Nervensystem". (29)
Ein repräsentatives Einzelbild aus den jeweiligen Einstellungen
der oben geschilderten Sequenz soll den funktionalen Zwischenschnitt
auf den Mond verdeutlichen.
Der formalen Entsprechung der "gematchten Continuity" zwischen der
Einstellung mit dem durch den Mond ziehenden Wolkenstreifen und dem
in das Auge schneidenden Rasiermesser lag nachweislich ein Traum
Buñuels zugrunde: "Dali hatte mich eingeladen, ein paar Tage
bei ihm in Figueras zu verbringen, und als ich dort ankam,
erzählte ich ihm, dass ich kurz vorher geträumt hätte,
wie eine lang gezogene Wolke den Mond durchschnitt und wie eine
Rasierklinge ein Auge aufschlitzte." (30) Hier hat die Einstellung
mit der Mondwolke als Zwischenschnitt einen funktionalen Charakter,
um das lebendige Frauenauge durch ein totes Kalbsauge zu ersetzen.
Gleichzeitig ist der Zwischenschnitt aber auch ein Cut-Back in ein
schon gezeigtes Motiv, das als Cut Away eingeführt wurde und
seinerseits innerhalb der Schuss-Gegenschuss-Konvention platziert
war. Das macht auch die Raffinesse und den Schock dieser Sequenz aus,
dass in einer harmlosen Schnittkonvention diese avantgardistische
Attacke auf die Augen erfolgt.
Das Beispiel mag noch einmal verdeutlichen, wie schwierig es ist,
begriffliche Zuordnungen und systematische Klassifikationsversuche
trennscharf festzuschreiben. Denn die konkrete Editing-Praxis
lässt sich nicht definitorisch fixieren, sondern bleibt
methodisch offen. (31)
Alternierende Montage
Die alternierende Montage ist eines der ältesten Montagemuster
und entspricht dem universellen Bedürfnis nach Abwechslung
(Alternierung) und Wiederholung gleichermaßen. Die abstrahierte
Grundstruktur dieses "kreuzweisen" Hin- und Herschneidens (Cross
Cutting) kann mit der Folge A1/B1/A2/B2/ A3/B3 ... A/B beschrieben
werden. Abwechslung boten schon die Gebrüder Skladanowsky durch
die Aufeinanderfolge unterschiedlicher Szenen, die aber einer
Programmabfolge und noch keiner Montage entsprachen. Auch
Schuss-Gegenschuss im Coverage mit der alternierenden Juxtaposition
bot Abwechslung, entsprach aber nur einer Handlung und noch nicht
zwei zumindest räumlich getrennten Handlungssträngen, die
durch Cross Cutting montiert werden.
Das eigentliche Cross Cutting, zum Beispiel bei einer "Rettung in
letzter Minute" oder einer Verfolgungsjagd, wurde insbesondere von D.
W. Griffith weiterentwickelt und vervollkommnet. Griffith'
Vorgänger bei der Biograph Company, Edwin S. Porter, hatte damit
begonnen. Die bekanntesten überlieferten frühen Filme von
Griffith mit charakteristisch alternierendem Montagemuster sind The
Lonely Villa (Die einsame Villa, USA 1909) und The Londale Operator
(USA 1911). In beiden Filmen gibt es: einen Überfall durch
Banditen; Frauen, die dadurch in Bedrängnis geraten; Hilfe, die
von außen naht, und ein Happyend mit der Koinzidierung
(Zusammentreffen, Zusammenfallen) der zwei Handlungsstränge.
Hin- und hergeschnitten wird jeweils zwischen den Frauen in
Bedrängnis bzw. den Banditen an Ort A und den Männern, die
zeitgleich (simultan) zu Hilfe eilen von Ort B. Die Rettung erfolgt
dann in letzter Minute durch die Männer, die Ort A erreichen und
die Banditen überwältigen. In der Schlusseinstellung kommen
die getrennten Handlungsstränge zusammen, es kommt zur
koinzidierenden Alternierung, zum Happyend. (32) Wie sonst nur in der
Literatur, ermöglicht das Cross Cutting "Sprünge" durch
Raum und Zeit. Griffith bekannte sich zu dieser literarischen
Tradition:
"Ich habe die Idee (des Cross Cutting von einer Szene zu einer
anderen, um die Spannung zu erhöhen) eingeführt ..., aber
es war keineswegs meine eigene Idee. Ich habe sie in den Werken von
Dickens gefunden. Er war immer mein Lieblingsautor gewesen, und indem
ich seine Werke gelesen habe, wurde ich von der Wirksamkeit dieses
Verfahrens des Switching-Off überzeugt." (33)
Doch mit dieser chronologischen und simultanen Erzählweise ist
Cross Cutting nicht erschöpft. Parallelmontage wird das
alternierende Schneiden zwischen parallelisierenden (vergleichbaren,
vergleichenden) Ereignissen genannt, die nicht simultan und nicht
chronologisch sein müssen. Technisch gesehen liegt zwar auch
hier Cross Cutting vor, aufgrund ihrer Bedeutung wird die
Parallelmontage jedoch oft nicht als Untergattung der alternierenden
Montage, sondern als eigenes Montagemuster gesehen. Die oben
erwähnte intellektuelle Montage Eisensteins kann unter
Umständen ebenfalls unter die Rubrik Cross Cutting fallen, wie
am Beispiel Streik gezeigt wurde.
Francis Ford Coppola, der sich schon als 18-Jähriger für
Eisenstein interessierte und ihn später filmisch immer wieder
zitierte, unterschneidet in Apocalypse Now (USA 1976-79) die
befohlene Liquidierung des Colonel Kurtz (Marlon Brando) durch
Captain Willard (Martin Sheen) mit der rituellen Schlachtung eines
Wasserbüffels im Tempelareal eine Stammes. Während bei
Eisensteins Schlachtung in Streik Kontrast und Vergleich dominieren,
ohne dass der Handlungsstrang im Schlachthof zeitgleich (simultan)
mit der Abschlachtung der Streikenden verläuft, sind bei Coppola
beide Elemente vorhanden: ein mit der Ermordungsszene symbolisch
vergleichbares Ereignis, das simultan zu dieser Szene abläuft
und durch Cross Cutting mit ihr verknüpft ist. Auf diese Idee
war Coppola aber noch nicht im Drehbuch gekommen, sondern erst, als
er bei einem Tempelfest bei den Dreharbeiten auf den Philippinen
durch Zufall solch eine zeremonielle Schlachtung sah.
Cross Cutting als emotionalisierendes Ausdrucksmittel der Montage
findet sich häufig bei alternierend geschnittenen Liebesakten.
Bekanntestes Beispiel, das gleichsam den Prototyp einiger
nachfolgender Liebesakte darstellt, findet sich 1973 bei Nicholas
Roegs Don't Look Now (Wenn die Gondeln Trauer tragen, UK/F/1 1973).
Julie Christie und Donald Sutherland spielen ein Ehepaar, das zum
letzten Mal miteinander schläft, bevor der Mann Opfer eines
scheußlichen Mordes wird. In der Szene in der Hotelsuite wird
der koitale Verlauf des Liebesaktes mit dem postkoitalen
unterschnitten und es entsteht ein filmisch eigensinniger Zeitfluss.
Der Liebesakt im Bett (Gegenwart) wird durch Flash Forwards (Zukunft)
vom sich anschließenden Anziehen der Liebenden alternierend
unterschnitten, bis es zum diskret gefilmten Höhepunkt kommt, ab
dem dann der Liebesakt ein Flash Back (Vergangenheit) aus der
Erinnerung wird, während sich das Ehepaar in der Gegenwart zum
Ausgehen fertig macht.
Arijon unterscheidet beim Cross Cutting Handlungsstränge, die
auf konvergierenden (sich zuneigenden, zusammenlaufenden) Bahnen
verlaufen und gleichzeitig am selben Ort zusammenfallen
(koinzidieren), und solche, die auf getrennten Bahnen an
verschiedenen Schauplätzen verlaufen; lediglich der Bezug auf
ein gemeinsames Motiv stiftet die Verbindung zwischen letzteren.(34)
Cross Cutting, häufig bei Sequenzen mit Sex und Gewalt
verwendet, verstärkt systematisch die darzustellenden starken
Reize und Gewalttätigkeiten des Films durch die Schnitte.
Elliptische Montage
Der Begriff "Ellipse" stammt aus der Sprache der Rhetorik, bezieht
sich auf die reduzierte Figur des Kreises und meint Auslassungen, die
für das Verständnis einer Aussage nicht unbedingt
nötig sind, so wie eine Skizze mit einem Stift schon
Wesentliches über das Sujet aussagen kann, ohne dass gleich din
Ölbild ausgearbeitet werden muss. Für die elliptische
Montage heißt dies: Alles Langweilige, Redundante kann
weggelassen werden, was nicht "nötig" ist, kann
herausgeschnitten werden, auch wenn es im Verhältnis 1:1
abgefilmt wurde. Auch Cross Cutting ermöglicht die elliptische
Montage von Teilereignissen, wenn beispielsweise jeweils nur die
informativsten, wesentlichsten oder spannendsten Momente einer
Verfolgungsjagd gezeigt werden, indem zwischen Verfolgtem und
Verfolgern hin-und hergeschnitten wird.
Der neben Kuleschow und Eisenstein bedeutende russische Film- und
Montagetheoretiker Wsewolod I. Pudowkin sah das Wesentliche der
Montage im Zusammenfügen von Teilereignissen und
Teilstücken - ein Ansatz, der wiederum eng mit der
konstruktivistischen Montage verknüpft ist, die auch
fragmentarisch vorgeht, aber in den Einstellungen eher räumliche
als zeitliche Auslassungen zeigt:
Überall Trennungen, Lücken verschiedenster Art, mitunter
gemessen nach Minuten und Metern, mitunter nach Tausenden von
Kilometern und Dutzenden von Jahren. Trennungen und Lücken
dringen sehr tief ein. Die scheinbar einfachste Handlung oder
Bewegung eines Schauspielers kann sich als in Teile getrennt
herausstellen ... Die Kunst, einzeln aufgenommene Teilstücke so
zu vereinigen, dass der Zuschauer im Resultat den Eindruck einer
ganzen, kontinuierlichen, fortlaufenden Bewegung bekommt, sind wir
gewohnt, Montage zu nennen. (35)
Bob Fosses All That Jazz (Hinter dem Rampenlicht, USA 1979) zeigt
eine elliptische Eingangssequenz. Um den Hauptdarsteller (Roy
Scheider) in der Exposition als Workaholic zu charakterisieren, zeigt
Fosse dessen Tagesbeginn, zusammengeschnitten auf die wesentlichsten
Aktionen am Morgen, ohne dabei auf Smoothness zu achten. Was die
Einstellungsfragmente (durchgängig Großaufnahmen) nicht
auseinander brechen lässt, ist jedoch ein Musikstück, das
die Close Ups untermalt und akustisch zusammenhält.
Wurde bei Cross Cutting und Montageellipsen das Strukturelle
behandelt, darf dabei nicht vergessen werden, dass an den
Übergängen zwischen den Einzeleinstellungen innerhalb der
Sequenz (innersequenziell) und an den Übergängen zwischen
den Sequenzen (transsequenziell) die Feinarbeit des Schnitts
stattfindet. Beim Continuity-Cut wird "gematcht", ohne davon ein
besonderes Aufheben zu machen. Doch es gibt ein selbstreferentielles
Spiel mit der Schnittkonvention des Matchens, den so genannten Match
Cut.
4 Sonderfälle der Montage
Match Cut
Definitionsgemäß ist der Match Cut zunächst einmal
eine Unterkategorie des Continuity Editing, das eine Kontinuität
des Erzählens über verschiedene Handlungsräume hinweg
durch partielle Übereinstimmung gewährleisten soll. Dabei
zeigen sich Match Cuts als eine Sonderform der kontinuierlichen
Bewegungsmontage. Organisiert die innersequenzielle Montage nach dem
Kontinuitätsprinzip die durchgehende Bewegung einer Figur im
identischen oder anschließenden Handlungsraum, bewegt sich beim
transsequenziellen Match Cut die Figur so über einen oder
mehrere Schnitte hinweg, dass hinsichtlich der differenten
Räume, und damit auch der Zeit, große "Sprünge"
stattfinden.
Diese Raum- und Zeitsprünge sind nicht mit dem Jump Cut zu
verwechseln, sie finden sich schon in frühen Filmen.
Ein Beispiel des tschechischen Montagetheoretikers und Regisseurs
Karel Reisz veranschaulicht einen Match Cut mit einer identischen
Figur, die zwar über eine kontinuierliche Bewegung, aber eine
raum-zeitlich unterschiedliche Szene gematcht wird. In seinem Film
The French Lieutenant's Woman (Die Geliebte des französischen
Leutnants, GB 1981) gibt es zwei Erzählebenen. Die eine,
eigentlich eine Metaebene, zeigt, wie der betreffende Film gedreht
wird. Diese Story spielt in Viktorianischer Zeit. Wir sehen nun im
Film, wie die Hauptdarstellerin (Meryl Streep) mit ihrem Partner
(Jeremy Irons) das Drehbuch durchgeht und eine bestimmte Szene probt.
Laut Drehbuch treffen sie sich an einem Abhang, wo sie fällt
("gefallenes Mädchen" - "to fall in love") und er sie
auffängt. Das proben die beiden auf der Wintergartenterrasse
ihrer Unterkunft.
Der Film verknüpft nun die zwei Zeitebenen - Drehzeit 1980 und
Viktorianische Zeit - durch einen Schnitt in der Fallbewegung, die
auf der Terrasse beim-Proben beginnt und nahtlos in der Bewegung auf
die historische Szene am Abhang umgeschnitten wird. Die Figuren
bleiben beim Raumwechsel identisch, nur die Kostüme haben sich
geändert, aus dem bräutlich weißen Kleid der Probe
wird ein erdfarben dunkler Kapuzenmantel. Auch die
Einstellungsgrößen variieren: Aus der Halbtotalen (Kamera
in Hüfthöhe) der Probe wird nach dem Schnitt ein halbnaher
Over Shoulder Shot (Blick über die Schulter hinab auf die
Fallende). Das Entscheidende ist die durch Schnitt gematchte
Kontinuität der Bewegung über zwei Einstellungen hinweg."
Bei diesem Schnitt reagiert der Rezipient unmittelbar auf die
"unmögliche" Sinneswahrnehmung mit einer gedanklichen Korrektur:
"Das kann ja gar nicht kontinuierlich sein.
Trainspotting (GB 1995) von Danny Boyle hat etwa zur Hälfte,
beim Rückfall des Protagonisten Mark Renton (Ewan McGregor) in
die Drogenabhängigkeit, einen Match Cut als metaphorischen
Sprung im Film. Der Sprung Rentons von einer Mauer landet direkt im
raum-zeitlich getrennten Zimmer eines Drogendealers.
Dies wird von den Filmtheoretikern Wolfgang Struck und Hans J. Wulff
analysiert: "Die gegen gängige kinematografische Codes
verstoßende und daher besonders exponierte Verbindung von
Bewegungskontinuität und räumlicher Diskontinuität
(...) versetzt nicht nur den Körper von einem Raum in den
anderen, sondern konfrontiert und verbindet zugleich verschiedene
Typen von Räumen." (37)
Der bekannteste Match Cut der Filmgeschichte bildet den Übergang
von einer Art Prologsequenz mit dem Titel "Aufbruch der Menschheit"
zur Expositionssequenz des Films 2001: A Space Odyssey (2001: Odyssee
im Weltraum, GB 1968) von Stanley Kubrick. Dieser Schnitt markiert
den Sprung von der Prähistorie ins 21. Jahrhundert, indem der
von einem Primaten in die Luft geworfene, todbringende
Schenkelknochen nach seinem Umkehrpunkt in der Abwärtsbewegung
mit einem formgleichen, Atomwaffen tragenden Raumschiff gematcht
wird.
Hier wird die Figur gleichsam ausgetauscht. Auch der Hintergrund
ändert sich von Himmelblau in Nachtblau, aber die Bewegung
bleibt kontinuierlich, wenngleich sich das Raumschiff nach vorn unten
und nicht in der Falllinie abwärts bewegt. Mit Hilfe eines
Schnitts wird der evolutionäre Sprung des Waffen
benützenden Menschen über Millionen Jahre hinweg
möglich und gleichzeitig die Kontinuität innerhalb der
menschlichen Entwicklungsschritte gezeigt. (38)
Der Match Cut birgt in sich den ganzen Widerspruch des
Montagemetiers: Montage meint nämlich im Gegensatz zum Schnitt,
der das Trennende hervorhebt, sowohl das Moment des
Auseinandernehmens der Einstellungen als auch das des
Zusammenfügens; kein anderes Montagemuster zeigt das so
deutlich.
Jump Cut
Der Jump Cut ist das Gegenteil des Match Cuts, ein Miss-Match. War
das holperige "Hüpfen" im Anschluss innersequenziell
geschnittener Einstellungen in den Anfangszeiten des Films das
Resultat ungenügender Erfahrung, wurde dies später als
Zäsur zwischen zwei Sequenzen gewollt eingesetzt. Jean-Luc
Godard verwandte dieses Verfahren, für damalige Zuschauer der
Nouvelle Vague verwirrend, in A bout de souffle (Außer Atem, F
1959) in einem innersequenziellen Dialog.
Der Jump Cut zeichnet sich durch eine geringe Differenz zwischen den
Einzeleinstellungen aus und wird eben deswegen als irritierender
"Sprung", als Miss-Match, wahrgenommen. Gerade weil der Unterschied
zur vorherigen Einstellung für den Zuschauer zu unprägnant
ist, "springt" der Schnitt subjektiv mehr innerhalb der
Raumwahrnehmung als bei größerer Differenz ab 30°
und/oder prägnanterem Brennweitenwechsel, obwohl der Sprung
dabei objektiv größer ist.
Short Cut
Auch im digitalen Schnittsystem folgt das Einzelbild mit seinem
Timecode dem analogen Frame als kleinster Einheit der Montage. Der
Timecode ist nichts anderes als die Zuordnung einer Ziffer zu den
entsprechenden Einzelbildinformationen auf dem Videoband oder einem
sonstigen Datenträger. Potenziell kann nach jedem einzelnen
Frame geschnitten werden. Die kürzeste Einstellung wäre
also ein Frame lang. So kurz konnte man früher aufgrund der
physikalischen Beschaffenheit des Filmbandes nicht schneiden, es
wäre auseinander gerissen.
In Avantgardefilmen der 20er Jahre wurde ein Flickereffekt durch die
Montage von kurzen hellen, alternierend mit kurzen dunklen
Einstellungen erzielt. Der französische Maler Fernand Leger
arbeitete 1924 in seinem Experimentalfilm Le ballet mécanique
mit diesem Flickereffekt. Eisenstein hat in seinem Film Oktober
(1927/28) mit der Flimmerverschmelzungsfrequenz, einem ähnlichen
Effekt, experimentiert. Das Gesicht des Maschinengewehrschützen,
der auf die Streikenden schießt, "verschmilzt" mit seiner
Waffe, weil Eisenstein je zwei Einzelbilder von Gesicht und MG
abwechselnd montiert. Die Zwei-Frame-Einstellung von dem
Schützen (A) alternierend geschnitten mit der
Zwei-Frame-Einstellung vom Maschinengewehr (B) ergibt den
Gesamteindruck der Verschmelzung (C).39
Auch der sowjetische Montagist Dsiga Wertow arbeitete bei seinem
nonfiktionalen Film Der Mann mit der Kamera (UdSSR 1929) mit dem
Flickereffekt rhythmischer, kurz geschnittener Einstellungen, die nur
wenige Frames enthielten.
Heute kann man digital auch Reihungen von unterschiedlichen
Ein-Frame- Einzelbildern montieren. Die kurze Einstellung ist jedoch
nicht das Ergebnis von MTV und Videoclip, wenn auch bei diesem Genre
häufiger anzutreffen als im Spielfilm, sondern hat seine
historischen Vorläufer.
1956 kam Giants (Giganten) in die amerikanischen Kinos, ein
A-Picture. von George Stevens, bekannt durch seine Stars James Dean,
Liz Taylor und Rock Hudson (im Film der Ehemann von Liz). Die auf Liz
eifersüchtige Schwester des Ehemanns, gespielt von Mercedes
McCambridge, reitet das Lieblingspferd ihrer Schwägerin zu
Schanden, indem sie dem Tier die eisernen Sporen mit Wucht in den
Bauch rammt, bis es blutet. Um diesem aggressiven Akt gegen die
geschundene Kreatur Ausdruck zu verleihen, wird in eine Totale, mit
Withers klein am Horizont auf dem sich aufbäumenden Pferd, eine
bildfüllende Detailaufnahme der metallenen Sporen eingeschnitten
(ein Cut In von 1/4 Sek.), die mit klirrendem Geräusch das
Zerfetzen des Pferdefells zeigt.
Fast zehn Jahre später kam mit The Pawnbroker (Der Pfandleiher,
USA
1965) von Sidney Lumet der erste Spielfilm auf die Leinwand, der
methodisch mit kürzesten Einstellungen arbeitet. Der Editor
Ralph Rosenblum versuchte mit diesem Mittel einen psychischen
Mechanismus des Protagonisten kinematografisch umzusetzen. Der
Pfandleiher macht eine schwere Krise durch, als der Todestag seiner
Familienangehörigen, die im KZ ermordet wurden, naht.
Gewöhnliche Geräusche, Gespräche lösen in ihm
Assoziationen an seine KZ- Erlebnisse aus, auch wenn er sich noch so
sehr bemüht, diese zu verdrängen. Durch Selbstbeobachtung
hatte Lumet entdeckt, dass verdrängte Erinnerung in immer
länger werdenden zeitlichen Schüben wiederkehrt, bis sie
schließlich jeden anderen Gedanken dominiert. Der Film nimmt
den Begriff "Flash Back" in seiner Aggressivität wörtlich:
Die verdrängte Erinnerung des Protagonisten blitzt immer wieder
auf und lässt ihn nicht mehr los. Zu seinem Montageverfahren,
das man als "mathematical editing" bezeichnet hat, sagt Lumet: "Im
Laufe der Szene konnte ich die Bilder auf vier, acht, sechzehn
Einzelbilder und so weiter in einer mathematischen Reihe
verlängern, bis sie übermächtig wurden und die
Rückblenden nun voll durchgespielt werden konnten." (40)
In From Dusc Till Dawn (USA 1996) arbeitet Robert Rodriguez ebenfalls
mit Short Cuts im Sinne von verdrängter Wahrnehmung. George
Clooney muss entdecken, dass sein Filmbruder Quentin Tarantino eine
Frau, die von den Brüdern als Geisel im Motel festgehalten
wurde, ermordet hat. Die Kamera fährt langsam auf den
entgeisterten Blick Clooneys zu, der es nicht fassen kann, als
Reaction Shot auf die blutige Tote, die der Zuschauer aber erst zirka
20 Sekunden später nur ganz kurz schemenhaft sieht. Dabei werden
in die Zufahrt auf das Gesicht Clooneys blutige Großaufnahmen
(z. B. vom rot verschmierten Telefonhörer, Messer etc.) als ein
Point of View Shot für die Länge von zwei bis drei Frames
gezeigt. Auch hier macht die Kurzwahrnehmung der Zuschauer in der
Fantasie mehr Entsetzen aus den Fragmenten, als die kurz gezeigte
Totale liefern kann.
Plansequenz
Das Gegenteil vom Short Cut ist die Plansequenz. Darunter versteht
man die ungeschnittene Sequenz eines Films. Es handelt sich dabei um
einen so genannten Sequence-Shot, eine in sich vollständige
Sequenz oder Szene aus einer ungeschnittenen Einstellung. Gemeint ist
eine "autonome" Einstellung, eine Handlungseinheit, die den "Status"
einer Sequenz besitzt: "Der Name dieses Sequenztyps leitet sich vom
französischen "plan-séquence" (Einstellungssequenz) her."
(41) Meistens versucht der Begriff "Plansequenz", einen Long-Take zu
beschreiben, wobei Bewegung in der ununterbrochenen Einstellung und
Dynamik nicht durch die Montage erzeugt werden. Diese Ästhetik
ist eng mit der Deep-Focus-Kameratechnik verbunden und teilweise von
ihr abhängig. Denn erst die Schärfentiefe erlaubt die
bewegte Aktion (Mise en scene) in die Tiefe des Raumes auch bei
statischer Kamera, ohne dass etwas im Hintergrund oder Vordergrund in
einem anderen Schärfenbereich liegt und damit unscharf auf der
Leinwand erscheint. Die Staffelung der Aktion in Vorder-, Mittel- und
Hintergrund kann zu einer ausgeklügelten Choreografie der
Akteure in einer Tiefenanordnung im Raum führen, sodass man
manchmal auch von einer "Tiefenmontage" mit der Kamera spricht. Die
Plansequenz ist die Antithese zur Arbeit nach dem
Coverage-System.
Coverage kann vertraglich von der Produktionsfirma festgelegt werden,
die sich auch das Recht des Final Cut vorbehält. Wie schon
erwähnt, sollte damit vor allem das eigensinnige "Schneiden mit
oder in der Kamera" verhindert werden. Da es hier immer wieder zu
Verwechslungen kommt, sei folgende Differenzierung vorgeschlagen:
Schneiden mit der Kamera heißt, in Absprache mit der Regie
werden für das Montieren nur wenige bestimmte Einstellungen
gedreht, ohne die klassischen Varianten zu berücksichtigen. Der
völlige Verzicht auf Schnitt innerhalb einer Szene wäre
dagegen Schneiden in der Kamera bei der Plansequenz, wobei die Kamera
statisch, aber auch dynamisch sein kann. Dies verlangt von Regie,
Kamera und Darstellern präzise Vorbereitungen und Proben. Die
Plansequenz ist daher Ausdruck von Stilwillen und der dezidierten
Vorstellung, dass nicht immer geschnitten werden muss. Der Editor
Walter Murch warnt vor dieser Methode mit dem Wortspiel: "The longer
the take of course the greater the chances of a mistake." (42)
Was ursprünglich die Single-Shot-Scene im Urkino ausmachte, kann
man
auch im weitesten Sinne als Plansequenz bezeichnen. Zwischen 1930 und
1940
wurde plötzlich auf die klassische Auflösung verzichtet:
Jean Renoir arbeitete mit Plansequenzen in La regie du jeu (Die
Spielregel, F 1939), indem er in der Kamera schnitt, und Orson
Welles, der vom Theater her kam, mit der Tiefenmontage einer eher
statischen Kamera in Citizen Kane (USA 1941). Beide revolutionierten
damit den Film zu einer Zeit, als man in den gängigen
Produktionen Einstellungen mit unscharfen Hintergründen und
Weichzeichneroptiken bevorzugte, die geradezu nach Montage
verlangten, da sie eine Mise en scene in die Raumtiefe nicht
erlaubten.
Regisseure setzen die Plansequenz häufiger zu Beginn eines
Filmes ein, weil der ungeschnittene Auftakt (oft auch die
Titelsequenz) eines Filmes schon in seiner Exposition einen visuellen
Sog beim Publikum erzeugt. Beispiele dafür sind La ronde (Der
Reigen, R: Max Ophüls, F 1950, 4 Min., 43 Sek.), Touch of Evil
(Im Zeichen des Bösen, R: Orson Welles, USA 1957, 3 Min., 12
Sek.) und The Player (R: Robert Altman, USA 1992, ca. 7 Min.), der
außerdem Orson Welles' Auftakt in der ersten Szene zitiert.
Plansequenzen als ästhetisches Montageprinzip tauchen seitdem
kontinuierlich in den verschiedensten Filmen unterschiedlicher
Gattungen auf.
Durch den Einsatz digitaler Kameras hat sich die mögliche
Länge der Plansequenz oder des Single-Shot-Films grundlegend
verändert, da sie mit ihrer Speicherkapazität weit
länger aufnehmen können, als es die analogen Kameras mit
ihren begrenzenden Zelluloidkassetten technisch leisten konnten und
können. Der britische Filmregisseur und Musiker Mike Figgis hat
für den Film Time Code (USA 1999/2000) mit vier digitalen
Kameras vier Handlungsstränge simultan ohne Schnitt zirka
eineinhalb Stunden gedreht und dann im Split-Screen-Verfahren
gleichzeitig neben- und untereinander auf einer Leinwand montiert. Da
von den vier Handlungssträngen (der Film spielt an vier
unterschiedlichen Schauplätzen in Los Angeles) am Ende drei in
einem Gebäude zusammenkommen, gibt es seltsame Effekte.
Gleichsam im Schuss-Gegenschuss, aber eben ohne Schnitt,
nebeneinander auf dem gesplitteten Screen, werden die Dialoge und
Aktionen simultan gezeigt. Auch der eingangs erwähnte digital
aufgenommene Film Russian Ark von Alexander Sokurow, der 300 Jahre
russische Geschichte mit über 2000 Schauspielern und Statisten
in eineinhalb Stunden, an einem Ort, in einer Einstellung
erzählt, konnte nur vermittels digitaler Plattenspeicher
aufgenommen werden. Denn so konnte die Aufnahmetechnik der Steadicam,
getrennt vom Speicher, beim Drehen über die lange Strecke
transportiert werden, ohne dass der Kameramann Tilman Büttner
mit dem zusätzlichen Gewicht des Festplattenrecorders belastet
war." (43)
Die ausschließlich vom Computer generierten Bilder, die
digitalen Non-Camera-Pictures, werden gern demonstrativ ohne Schnitte
als Fließbilder vorgeführt. Sie gleichen Flugaufnahmen,
gleichsam von kamerabehafteten Schwalben gefilmt, die aus der
Vogelperspektive durch Fenster in menschliche Räume segeln,
darin umherund wieder hinausfliegen. Martin Emele erwähnt diesen
Aspekt in seinen Reflexionen zur virtuellen archäologischen
Simulation, mit der er sich praktisch auseinander gesetzt hat, und
spricht dabei von "wildem Geschwenke", "schwungvollen Flügen"
und von "unmotivierten Perspektivwechseln solcher 3-D-Animationen":
"Schnitt und Gegenschnitt, Totale und Nahaufnahme sind Teile
erzählerischer Techniken, werden vom Zuschauer visuell
verstanden. In der Computeranimation scheinen diese filmischen Mittel
nicht mehr zu existieren." (44)
5 Sequenzübergänge
Da die Transition (Sequenzübergang) als Zäsur meistens
nicht nur mit einem Zeitwechsel, sondern auch mit einem Orts- bzw.
Raumwechsel einhergeht, musste sie der Film in seinen
evolutionären Anfängen erst einmal erkunden. Zu Beginn - in
der Stummfilmära - konnte man sich im Zweifelsfall bei Zeit-,
Raum- und Ortswechseln mit Zwischentiteln behelfen. D. W. Griffith
hatte zum Beispiel in Resurrection (USA 1909) das narrative Problem,
einen über 200 Seiten starken Roman von Tolstoi, der etwa sechs
Jahre umfasst, in einem One-Reeler von zirka elf Minuten zu
erzählen. Er löste die vom Roman vorgegebene Zeitspanne und
die damit verbundenen Wechsel der Handlungsräume durch
Transitionen mit Hilfe von Zwischentiteln wie: "Fünf Jahre
später" - "In einer Spelunke". (45)
Beim Free-Frame-Cut schneidet man, nachdem der Akteur das Bild
verlassen hat. Damit wird neben dem Ortswechsel auch der Zeitfluss
durch die Montage organisiert. Schneidet man beispielsweise von einem
Free-Frame-Cut, nachdem der Akteur den Raum verlassen hat, auf den
nächsten Free-Frame-Cut, bevor er diesen Raum betritt, wird eine
zeitliche Differenz vermittelt, die aufgrund der
Alltagswahrscheinlichkeit für den Zuschauer überschaubar
bleibt.
Daneben etablierte sich eine andere transsequenzielle Konvention: die
Blendentechnik. Sie demonstriert einen allmählichen Wechsel in
einen anderen Handlungsraum und hat wie die Interpunktionen im Text
die Funktion der Zäsur. Die Blendentechniken haben durch die
neuen Möglichkeiten der digitalen Postproduktion insgesamt ein
Comeback bei Video und Fernsehen erfahren. Denn die ursprünglich
nur im Kopierwerk zu vollendenden Blenden waren so komplizierten,
kostenintensiven und langwierigen Prozeduren unterworfen, dass die
Editoren meist erst am folgenden Tag die Ergebnisse sehen konnten.
Heute dagegen kann der Blendeneffekt sofort anschaulich am digitalen
Schnittsystem überprüft werden, wobei man verschiedene
Verfahren unterscheidet.
Die Überblendung. Trotz des weichen und glättenden
Charakters soll diese Transition nicht unsichtbar wie beim
Kontinuitätsschnitt sein, sondern auffallen oder zumindest
wahrgenommen werden können. Da klassische Überblendungen
durchaus zu den elaborierteren Transitionsmarkierungen gehören,
die früher im Kopierwerk tricktechnisch vollendeten, was am
Schneidetisch oder schon früher bei der Aufnahme für den
Übergang avisiert wurde, soll ein Beispiel ihren Reiz belegen.
Luis Trenkers Überblendung in Der verlorene Sohn (D 1934)
transportiert ihn vom Panorama der Dolomiten zur Skyline von
Manhattan, wobei die Überblendung den zackigen Horizont und die
steinernen Formationen vom natürlichen Bergmassiv und den
urbanen Wolkenkratzern übernimmt. So wird der Naturbursche
Trenker aus der Alten in die Neue Welt versetzt.
Andere sinnbildliche Überblendungen finden sich bei Steven
Spielberg, der sich dezidiert mit der Praxis der Transitionen
beschäftigt hat. Eine liniengenaue Überblendung
(Match-Dissolve) desselben Meereshorizonts findet sich in Jaws (Der
weiße Hai, USA 1975), indem von der Nacht, in welcher der Hai
sein erstes Opfer in die Tiefe riss, in den hellen, heißen
Sommermorgen an den Strandhorizont überblendet wird und sich Roy
Scheider, der "Antagonist" des weißen Hais, aus dem Bett hievt.
In Schindlers Liste (USA 1993) schneidet dagegen Spielberg bei der
Transition der farbig beginnenden Titelsequenz, die einen
jüdischen Ritus mit Kerzen in einem Wohnzimmer zeigt, in die
darauf folgende Szene eines Judentransportes durch einen ankommenden
Zug auf einem Bahnhof. Die Transition beginnt nach dem Erlöschen
einer der Kerzen in Großaufnahme, die in dem Moment von Farbe
in Schwarzweiß wechselt, als die Kamera mit dem dünnen
aufsteigenden Rauchfaden des qualmenden Dochts hochschwenkt und dabei
in den Schornsteinrauch - nein, nicht den eines KZs, denn das
hätte das Grauen ästhetisiert und wäre damit mehr als
geschmacklos gewesen - einer anhaltenden Dampflok für
Judentransporte umschneidet. Damit ist gleich zu Beginn des Films die
Dialektik von Privat-Familiärem und Politisch-Totalitärem
kinematografisch ausgedruckt. (46)
Die Unschärfenblende gehört zwar ebenfalls zur Familie der
Überblendungen, meint aber den sukzessiven Schärfeverlust
am Ende der Einstellung mit anschließendem allmählichen
Scharfwerden zu Beginn der nächsten Einstellung. Dieser Effekt
wird häufig als Subjektive eingesetzt, bei der ein Akteur das
Bewusstsein verliert und an einem anderen Ort aufwacht (Traumende,
K.-o.-Schlag, Ohnmacht, Narkose). (47)
Wischblende oder Reißschwenk. Auch ein Reißschwenk, der
wie ein undefinierbarer "Wischer" wahrgenommen wird, kann funktional
eine Transition sein. In Magnolia (Paul Thomas Anderson, USA 1999)
wird eine ganze Passage mit verschiedenen Protagonisten, die sich
simultan an unterschiedlichen Orten in Los Angeles aufhalten, durch
Reißschwenks verknüpft. Statt im Cross Cutting-Verfahren
die Figuren alternierend zu montieren, werden sie durch
Reißschwenks zusammengebracht.
Trickblenden waren nach 1970 als altmodisch abqualifiziert worden,
fanden jedoch in den 90er Jahren als Tools neue spielerische
Anwendung. Trickblenden können sich in jeder beliebigen Richtung
über das Ende und den Anfang einer neuen Sequenz bewegen:
vertikal, horizontal, diagonal, als Kreis, Spirale, Viereck, Raute
etc.; jede erdenkliche Form kann dazu benutzt werden, eine
Einstellung verschwinden und an einem neuen Ort hervortreten zu
lassen. In The Phantom Menace (Star Wars - Episode 1: Die dunkle
Bedrohung, USA 1999) rekurriert George Lucas auf einige Varianten
dieser Blenden.
Auch mit der so genannten Schiebeblende wird wieder gearbeitet, wobei
die neue Einstellung die auslaufende alte aus dem Bildfeld
hinausschiebt. Oft wird sie dabei auch mit einem markanten vertikalen
Gestaltungselement, etwa der Bewegung eines Mastes oder Baumstammes,
in Übereinstimmung gebracht. (48) Auf- und Abblende sind andere
klassische Blendentechniken; sie können ins Schwarz, ins
Weiß, aber auch aus jeder anderen und in jede Farbe erfolgen.
Sie setzen Sequenzen, Szenen und Episoden ab - wie beispielsweise
Kapitelüberschriften. Damit werden Szenen eher getrennt, als
dass sie verbunden werden.
Waren bis in die 30er und 40er Jahre die Blendentechniken für
die Transition ästhetischer Standard, so hatte danach meist der
Schnitt diese Funktion übernommen. Er wurde anfangs vermieden,
da er einen sofortigen Übergang, eine zu plötzliche
Beziehung zwischen zwei Szenen herstellte. Zum Beispiel wurden alle
Sequenzen mit Orts- und Raumwechsel noch 1929/30 bei der
amerikanischen Produktion All Quiet on the Western Front (Im Westen
nichts Neues, R: Lewis Milestone, USA 1930) mit einer Abblende ins
Schwarz als Transition markiert. Den "harten" Schnitt verwendete man
erst später dazu, unterschiedliche Zeiten und Räume in der
Sukzession zusammenzufügen. Selbst die harten Schnitte, die
Stunden, Wochen und Monate über die verschiedensten Räume
hinweg verknüpfen und komprimieren, sind mittlerweile
erzähltechnisch die Regel geworden und werden bei Film und
Fernsehen bevorzugt. Doch auch hier zeigt sich durch die oben
erwähnten Tools eine erneute Hinwendung zu der nun leicht zu
erzeugenden Blendentechnik, die offensichtlich filmischen Moden
unterworfen ist.
Morphing beinhaltet die ausschließlich digitale Umwandlung
eines Objektes, einer Figur, eines Raumes mittels Computergrafik und
wird als fließender Übergang (wie bei einer Verwandlung)
zwischen zwei separaten Einstellungen wahrgenommen. Der Effekt hat
daher auch etwas Fantastisches. "Aber genau genommen ist sie eine
vollständige Veränderung dieses Objekts und nicht ein
Bindeglied zwischen zwei separaten Einstellungen, wie die Definition
des Übergangs lautet." (49)
Morphing wird auch in Videoclips als Übergang verwendet,
beispielsweise bei Michael Jacksons Song "Black or White", bei dem
Clip der "Toten Hosen" in "Unsterblich" und bei Marius
Müller-Westernhagens audiovisueller Umsetzung von "Nimm mich
mit".
6 Veränderung der Montage in der Postproduktion
Zunächst werden hier die Arbeitsschritte des klassischen
Filmschnitts behandelt, um später den Unterschied zur digitalen
Postproduktion zu charakterisieren.
Während des Drehens beginnt zumindest beim Spielfilm die Arbeit
des Editors am belichteten Material, nachdem er schon im Vorfeld mit
der Produktion und Regie Absprachen über Termine, Budget und
Gestaltung der Produktion getroffen hat. Von nun an sollte der Editor
alle nachfolgenden Etappen des Filmwerks über den Final Cut
hinaus begleiten. Der Schneideraum ist das Basislager des Editors.
Sein Arbeitsplatz kann sich in der Nähe der Dreharbeiten
befinden, er kann aber auch in einem anderen Erdteil stehen, wie es
Walter Murch bei The Unbearable of Lightness of Being (Die
unerträgliche Leichtigkeit des Seins, USA 1987) erlebte, wo in
Europa gedreht und in Kalifornien geschnitten wurde. Bei den Studios
liegt der Schneideraum sozusagen in Reichweite. Hier werden die Filme
nach einem bestimmten System in den Regalen gelagert, die
Filmbüchsen und Kartons beschriftet und mit Nummern versehen. Im
Schneideraum steht auch der Galgen, an dem die Filmstreifen zum
Sichten an Stiften vor einer beleuchteten Scheibe aufgehängt
sind. Die Umrolltische für Materialrollen stehen in einem
Nebenraum. oder auf dem Flur. Wichtigstes Arbeitsgerät zum
Schneiden ist und bleibt der Schneidetisch.
Der Editor Eberhard Nuffer macht in seiner Untersuchung zur
Entwicklung der Schneidetische folgende Liebeserklärung:
"Nirgendwo ist der Mensch dem "Stoff, aus dem die Träume sind"
so nah wie am Schneidetisch: Bei der Aufnahme ist der Film
unsichtbares Etwas, verborgen im Inneren einer metallenen
Kamera-Kassette; im Kino sind Film und Zuschauer durch die Wand des
Vorführraums räumlich voneinander getrennt. Nur im
Schneideraum "materialisiert" sich dieser "Stoff", lässt sich
sowohl durch schnellen Ablauf zur bewegten Bilderfolge verschmelzen
wie auch in all seinen Einzelbildern betrachten und berühren."
(50)
Schnitt am Schneidetisch bedeutet immer, dass Bild und Ton aus
technischen und gestalterischen Gründen auf getrennten
Bändern vorliegen. Im Gegensatz zur Kinoprojektion, bei der
Bildstreifen und Tonspur auf einem Träger sind, geschieht der
Schnitt "zweistreifig" (Nuffer). Dazu müssen beide synchron
angelegt werden, damit Bild und Ton kompatibel und autonom bearbeitet
werden können. Das Anlegen übernimmt meist die
Schnittassistenz, die an den Synchronmarken (z. B. am Zusammenschlag
der Klappe) Bild und Ton koppelt und damit in synchrone
Übereinstimmung bringt. Beim so genannten Ausmustern wird
entschieden, welche Teile und Varianten des gedrehten Materials
verwendet werden. Der Regisseur kann, muss aber nicht anwesend sein.
Den ausgemusterten Streifen nennt man Take (den Teil, die man
"nimmt"). Jeder angelegte Take bekommt am Anfang und Ende eine
Einstellungsnummer. Beim Film werden die Takes als Film- und
Tonstreifen oder Röllchen beschriftet, im Computer bekommen sie
entsprechende Ziffern und Bezeichnungen (Datenverwaltung).
Die sich anschließende Phase nennt man Rohschnitt; der Film
wird zunächst in seinem Ablauf strukturiert, indem die
ausgewählten Einstellungen in ihrer Reihenfolge festgelegt
werden. Dabei richtet man sich beim Spielfilm nach der im Drehbuch
vermerkten Auflösung. (51) Somit wird auch der inhaltliche
Verlauf des Filmes festgelegt. Hierbei stellt man oft schon fest, ob
noch Material nachgedreht werden muss, weil etwas fehlt oder für
den Schnitt nicht taugt. Daher wollen die Produzenten beim Rohschnitt
dabei sein, um sich über den Verlauf der Produktion zu
informieren.
Der folgende Feinschnitt präzisiert den Film in mehreren
aufeinander folgenden Bearbeitungsphasen. Hier legt man
beispielsweise fest, ob ein Schnitt "weich" oder "hart" ist und wie
die Übergänge zwischen den Sequenzen gestaltet werden, ob
man Blendentechniken einsetzt oder nicht. Auch die Feinarbeit an
Timing und Rhythmus werden hier erledigt. Der Feinschnitt gibt dem
Film letzten Schliff und "versiegelt" seinen Verlauf.
Walter Murch hat für die Überprüfung dieser zwei
Schnittetappen drei vordringliche Punkte für die Montage in
Prozenten gewichtet. Erstens: 51 Prozent sind für ihn die
Emotion, das momentane Gefühl für die Szene mit der Montage
rüberzubringen. Zweitens: 23 Prozent hängen mit der Story
zusammen, was die Geschichte unterstützt. Und drittens: 10
Prozent beziehen sich auf den Rhythmus, der stimmig sein muss. Der
Rest bezieht sich auf Orientierung im Raum und auf die
Achsenproblematik. Doch die Emotion steht für ihn an oberster
Stelle. (52) Bei einem Clip oder Musikschnitt hat der Rhythmus sicher
mehr als nur 10 Prozent zu leisten.
Nach der Abnahme durch die Studiobosse, Produktionsleitung,
Redakteure oder die Auftrags- und Geldgeber liegt zwar die
endgültige Fassung noch nicht im Detail vor, aber der Film wirkt
schon als Ganzes. Blendentricks, eventuelle Doppelbelichtungen und
andere Kopierprozesse werden von den Editoren in Absprache mit
Trickabteilung und Kopierwerk getroffen. Daher gehört zur
klassischen Editorausbildung die Arbeit im Kopierwerk, um mit all den
chemischen und technischen Abläufen vertraut zu werden. Auch bei
der Tonbearbeitung durch Endmischung - dem Zusammenbringen von
Dialog, Geräuschen, Musik und Sounddesign im Tonstudio mit
eventuellem Nach- synchronisieren - obliegt die Kontrolle ebenfalls
dem Editor. (53) Er erstellt und kontrolliert neben dem Mischplan die
Negativschnittliste. Anschließend wird durch speziell geschulte
Editoren das Negativ, das Original oder Umkehroriginal entsprechend
der Arbeitskopie nachgeschnitten. Die letzte Kontrolle der Kopie
erfolgt wiederum am Schneidetisch, an so genannten Kontrolltischen,
die im Kopierwerk stehen, und hier checken die Editoren meist zum
letzten Mal auch Grafiken, Abspann etc., bevor der Film auf Sendung
geht oder für den Verleih die Vorführkopien (Film, Video,
DVD etc.) gezogen werden.
Entwicklung der Schnittpraxis
Anfang der 20er Jahre schnitt man in den Film mit der Schere, kratzte
mit Schabmessern (anfänglich mit Rasierklingen oder
Glasscherben) die Emulsion vom Zelluloid, bepinselte die Naht mit
Filmkitt (Cement) und hielt zum Trocknen und Pressen der
Schnittstelle die Filmteile zwischen Zeigefinger und Daumen zusammen.
Bei diesem Nassklebeverfahren blieb es jahrzehntelang und es wird
noch heute für den Negativschnitt angewendet. Lange Zeit schnitt
man sogar ausschließlich das Negativ und vertraute dem Auge
beim Sortieren der Einstellungen und beim Bestimmen der Schnitte,
wobei die Zelluloidstreifen unvergrößert vor ein Fenster
oder eine von hinten beleuchtete Milchglasscheibe gehalten wurden.
Mit der Ausdifferenzierung des arbeitsteiligen Studiosystems ab 1911
und den komplexer werdenden Filmen ab 1913 ("abendfüllender
Spielfilm" mit fünf und mehr Rollen) entstand der Beruf des
Editors, der gleichfalls immer komplexer und verantwortungsvoller
wurde.
Technologiegeschichtlich unterscheidet man ab etwa 1924 beim
klassischen Filmschnitt die Schneidetische europäisch-deutscher
Prägung von den in Hollywood üblichen Moviolas. Der
Unterschied zeigt sich am prägnantesten im Verlauf: Am
Schneidetisch laufen Film- und Tonstreifen horizontal synchron
gekoppelt durch eine mit einer Lichtquelle versehene
Vergrößerungsprojektion, bei der Moviola vertikal wie beim
Projektor durch die optische Vergrößerungsvorrichtung. Bei
beiden wird mit Fettstift der Schnitt auf den Bild- und Tonstreifen
eingezeichnet, der Schnitt selbst dann vermittels separater
Klebepresse (Kombination von transparentem Klebeband mit
Schnittmesser) durchgeführt.
Das Trockenkleben der Arbeitskopien (vorläufige,
farbunkorrigierte Klatschkopien vom Original) setzte sich mit
Erfindung der transparenten Klebebänder durch und
ermöglichte mehrmaliges Umschneiden ohne Felderverlust auf dem
Bildstreifen, der durch das irreversible Abschaben an den Frames beim
Nasskleben entstand. (54)
Umstieg und Differenz von analoger zu digitaler Montage
Für die Generation der Umsteiger, etwa seit den 90er Jahren,
hatte der Abschied vom Schneidetisch dramatische Momente, denn ihnen
ging es wie Einwanderern in andere Gefilde, die zwar viel
versprechend und Glück verheißend sind, aber mit dem
Schmerz des Verlustes alter Gewohnheiten einhergehen. Davon zeugen
einige nostalgisch anmutende Bemerkungen, die Eberhard Nuffer beim
Lesen am Filmende entdeckte: Bei Steven Spielbergs Saving Privat Ryan
(Der Soldat James Ryan, USA 1997/98) heißt es im Abspann:
"Edited on the Moviola" und bei Tim Robbins' Dead Man Walking (USA
1995): "Edited on old-fashioned machines ". (55) Für die
nächste Generation, die in der neuen Welt des "Digital Realm"
aufgewachsen ist, hat die alte analoge Schnittwelt nicht mehr diese
Bedeutung; sie gilt als nostalgisch, wenn sie nicht schon vergessen
oder unbekannt ist. Hierbei handelt es sich um einen
Generationenwechsel medialer Kompetenz und nicht nur um einen Wechsel
der Montagetechnologien. Die Souveränität eines
Schnittmeisters wurde plötzlich durch eine neue Technologie
infrage gestellt, sodass er sich beim Umstieg wie ein Anfänger
in einer fremden Sprache vorkam. Die neue Editorengeneration
schätzt es dennoch, in die 16-mm-Technik eingewiesen zu werden,
da es "die Disziplin und Planung der Montage fördert." (56)
Die Reflexionen zum Umstieg von analoger zur digitalen Montage wurden
in einschlägigen Artikeln von praxisorientierten Autoren
aufgegriffen, die hier kurz referiert werden sollen. Das Virtuelle am
Schnittcomputer ist für René Perraudin kein
handwerklicher, sondern ein abstrakter Vorgang: "Da nichts wirklich
bewegt, gespult, zerschnitten und geklebt wird, ist das Ergebnis
unserer Arbeit immateriell. Darin liegt der Schlüssel für
die Schnelligkeit und die Flexibilität dieser neuartigen
Arbeitsweise und vor allem für den kreativen Spielraum, den sie
zulässt." (57) Für die Wahrnehmung bleiben Bilder und
Töne jedoch unabhängig vom Speichermedium anschaulich;
Augen und Ohren nehmen wahr, auch wenn es objektiv immaterielle
Datenströme und keine Zelluloidstreifen gibt.
Walter Murch relativiert in seinem Überblick über die
Montageentwicklung angesichts der digitalen Veränderungen den
quantitativen Aspekt, der hauptsächlich als
Unterscheidungsmerkmal aufgeführt wird, mit folgender
Argumentation: Balzac schrieb vor 185 Jahren nur mit der Feder 80
klassische Romane in 20 Jahren. Jean Renoir konnte einen Film in drei
Wochen drehen und schneiden, Akira Kurosawa hatte bei seinen
früheren Filmen den ersten Rohschnitt zwei Tage nach dem Drehen
fertig. (58) Luis Buñuel war in seiner mexikanischen Periode
innerhalb von zehn Tagen nach dem Drehen mit der Montage fertig. Und
ob Fassbinder zwischen 1969 und 1982 noch mehr als seine 40 Filme und
dazu noch Fernsehserien gepackt hätte, entzieht sich
natürlich unserer Kenntnis, bleibt aber fraglich.
Die Unterscheidung der Autoren zwischen negativen und positiven
Aspekten digitaler Schnittsysteme im Vergleich zu den analogen soll
hier kurz zusammengefasst werden.
Als negativ wird aufgelistet: Die "vollmundige Technikpropaganda" der
Gerätehersteller, die schon "ideologische Züge" hat
(Schumm), verheißt das völlige Fehlen von Kopierverlusten.
Dennoch können natürlich Computerviren und partielle
Datenverluste als "Zeitfresser" in der Postproduktion die
Terminkalkulation durcheinander bringen. Die früheren
"Zwangspausen" beim Umspulen, Rollensuchen etc. galten als kreative
Pausen, dagegen gelten die heutigen Zeiten für das Umkopieren,
Hochladen, Loggen, Speichern von Sicherheits-Backups etc. als
"Totzeiten". (59)
Die Ergonomie der Wahrnehmungsorganisation am Schnittcomputer ist
sicher noch zu verbessern, da der starre Blick auf das
Wahrnehmungsamalgam von Monitorbild und Toolbar, Ansteuerung mit der
Maus und Koordination mit Tastatur oft zu einem unbewussten
technizistischen Ansatz bei der Montage führt. (60)
Spannungskopfschmerzen und Überlastung der Augen als
medizinische Folgen sind bekannt.
Daneben gibt es aber auch noch ein soziales Problem: nämlich die
zunehmende Isolierung und die damit einhergehende Vereinsamung im
Schneideraum, bedingt durch fehlenden Austausch mit der
Schnittassistenz, reduzierte Präsenz der Regie und deren
zunehmende Unkenntnis der Arbeitsabläufe. Der frühere
Ausbildungsberuf, der durch die Beziehung zwischen dem Meister und
dem Lernenden geprägt war, hat seine soziale Basis verloren.
Ausbildung und Praktika werden an Hochschulen verlagert. Der
Ausbildungsberuf Editor ("Schnittmeister") verliert an
Unmittelbarkeit in der praktischen Erfahrungstradierung ("über
die Schulter schauen"), wenn die Assistenz zeitversetzt nachts loggt
und dann geht, wenn der Editor morgens kommt. So hat der
Computerschnittplatz mittlerweile den Ruf eines "Jobkillers". Auf der
anderen Seite führt die Editorausbildung zum Wildwuchs zwischen
Hochschulen und ABM-Maßnahmen von Arbeitsämtern. Hinzu
kommt die permanente Fortbildung, da nicht immer alles nur durch
"learning by doing" zu bewerkstelligen ist.
Die ökonomische Balance zwischen Produktion und Postproduktion
gerät immer häufiger aus dem Ruder, da mit DV-Kameras zwar
billiger produziert werden kann, die dabei für die digitale
Montage entstehenden Quantitäten dann aber zu Materialschlachten
führen (70 bis 100 Stunden Ausgangsmaterial für eine
Dokumentation mit höherem Sprachanteil sind keine Ausnahme). Die
ursprünglich kalkulierte Zeitspanne für die Endfertigung
wird damit kostenintensiver und auf digitalem Niveau oft komplexer,
als man kalkuliert hat. Der Zeitdruck wird durch die Beschleunigung
der Digitalisierung des Schneideraums nicht reduziert, sondern bleibt
konstant. Horst Reiter schildert seine Erfahrungen aus der Praxis:
"Was Werbung angeht, war mein Rekord für einen 35-Sekunden-Film
vierzehn Stunden (61) Filmmaterial, daraus hätte man schon einen
Spielfilm schneiden können. Ein normaler Werbespot ohne
Besonderheiten wird heute an einem Tag geschnitten. Optimal ist, wenn
du eineinhalb Tage hast, sodass du am nächsten Tag vor der
Abnahme noch mal draufgucken kannst." (62)
Die Überprüfung einzelner Montageetappen eines Kinofilms
auf der Leinwand, der am Computer geschnitten wird, kann aufgrund des
Systemwechsels die Kosten in die Höhe treiben, da extra Kopien
dafür gezogen werden müssen. Überhaupt leidet die
Überprüfbarkeit der Arbeitskopie, die man sogar im
Schnellgang am Schneidetisch auf bestimmte Arbeitsschritte hin
kontrollieren konnte.
Wie die neu zu gestaltende Arbeitsorganisation innerhalb der
Postproduktion, die von den Editoren zunehmend nicht mehr allein
überblickt und bewerkstelligt werden kann, zu bewerten ist,
lässt sich noch nicht entscheiden. Die erweiterten Anforderungen
im Bereich Grafik, Effekte, Compositing und im Tonbereich beim
Sounddesign verlangen mittlerweile als zusätzliche Qualifikation
die Berufsfelder Postproduktionsdesign und Postproduktionsmanagement,
die sich um die Kommunikation und Schnittstellenproblematik zwischen
Kamera, Montage, Ton, Labor etc. kümmern.
Als positiv gesehen wird, dass sich einige Kinderkrankheiten der
Schnittcomputer bald gelegt haben, die sich in den Anfangsjahren
durch starke Datenreduktion des Ausgangsmaterials für die
Qualität der Begutachtung des aktuellen Schnitts ergaben. Das
saubere, leisere und schnellere Arbeiten gilt wie für andere
Umstiege in elektronische Systeme auch hier.
Die Standardisierung durch Digitalisierung unterschiedlichen
Ausgangsmaterials und die damit verbundene systemübergreifende
Homogenität bringen Vorteile für die Endfertigung, die
nicht mehr auf die verschiedenen Filmformate oder Tonträger
Rücksicht nehmen muss. Auch die Verfügbarkeit mehrerer
Tonspuren und deren Vormischen steigern die Zahl abhörbarer
simultaner Tonspuren. Damit hat sich die Tondramaturgie
nonfiktionaler Filme erweitert, die nicht mehr nur auf den
Originalton (Sprache, Geräusche, Musik) fixiert bleibt. Die
Integration unterschiedlicher audiovisueller Spezialeffekte,
komplizierte Tricks, Blenden oder Grafiken können durch die
digitalen Techniken sofort hör- und sichtbar präsentiert
werden. Die ursprünglichen Wartezeiten auf die nur aus dem Labor
lieferbaren Ergebnisse bleiben als zusätzlicher Arbeitsschritt
erspart.
Gerhard Schumm zählt noch weitere Vorteile auf: Die
Entbürokratisierung im Schneideraum durch Schnittcomputer macht
Schluss mit fummeligen Ausschnitten und zwanghafter Pingeligkeit
gegenüber Filmresten. Der Überblick über
Schnittvariationen ist leichter. Diese nichtdestruktive,
prozessreversible Arbeitsweise erlaubt Rückgriffe auf schon
einmal Ausprobiertes. Das Abspeichern und Vergleichen von
Montagevarianten ist ein entscheidender Vorteil; denn vom Prinzip her
sind Computer gute Einsortierer und Datenverwalter und damit gute
Such-, Einsortier-, Umsortier- und Aussortiermaschinen. (64) Schumms
Lob gilt insbesondere der Konservierung und
Vergleichsmöglichkeit unterschiedlicher Schnittversionen:
"Für einfallsreiches Arbeiten, das aus Vor- und Rückgriff,
aus Revision und Antizipation seine Impulse schöpft, ist das
eine der segensreichsten Neuerungen. Wo früher mit jedem neuen
Arbeitsschritt die vorhergehende Arbeitsstufe notgedrungen - ohne
jede Brücke zurück - zerstört werden musste, wo
Vorwärtsschreiten im Arbeitsprozess zugleich ein
Abrissunternehmen beinhaltete, erlaubt digitale Montage nun die
souveräne Verfügung über alle Materialebenen und
Verkettungsniveaus." (65)
Und damit kann dann das Glücksgefühl von
Großzügigkeit und Schwung, von Virtuosität bei
Geräterhythmik und Gedankenstrom, von Materialfluss und
Gestaltungslust Einzug im digitalen Schneideraum finden.
Der Editor ist der erste kritische, objektive und repräsentative
Zuschauer, dessen Anschauung nicht an die Ereignisse, Stimmungen und
Vorgänge bei den Dreharbeiten gebunden ist. Die visuelle
Vorwegnahme eines fertigen Filmes von Seiten der Regie und der Kamera
hat ihre Grenzen. Bewegt man sich beim Drehen noch im Bereich der
Wahrscheinlichkeit - die Stunde der Wahrheit findet am Schneidetisch
statt. Die Montage von Film, Fernsehen, Video und digitalen
Trägern von Moving Images ist daher eine schöpferische und
eigenverantwortliche Tätigkeit mit einem autonomen Bereich, in
Zusammenarbeit mit Regie und Produktion. Die editorische Kompetenz
der Montage wird klar, wenn man auch die kreative Leistung
mathematisch verdeutlicht: Werden zehn Einstellungen systematisch auf
jede mögliche Weise neu zusammengesetzt, dann existieren
über 3,6 Millionen Möglichkeiten.
François Truffaut erklärte die Montage zu einer
kritischen Erzählinstanz:
"Die Montage ist die Kritik am Gedrehten, so wie das Drehen die
Kritik am Drehbuch ist." (66)
Und Jean-Luc Godard macht in seinem berühmten Artikel "Schnitt
meine schöne Sorge" in den Cahiers du cinema vom Dezember 1956
den Unterschied zwischen Produktion und Postproduktion poetisch
aus:
"Wenn Inszenieren ein Blick ist, dann ist Schneiden ein Herzschlag."
(67)
Und das bedeutet auch nicht das Aus für die Erkenntnisse aus der
analogen Filmmontage, die im Verlauf ihrer Entstehungsgeschichte eine
internationale Methodik entwickelt hat, deren ästhetische
Verfahrensweisen ihre differenzierende Orientierung, Dramatisierung,
Emotionalisierung sowie ihre Sinn- und Bedeutungsgebung nicht
verloren hat, sondern durch das digitale Editing unterstützt
wird. (68)
7 Schlussbetrachtung
Erst Ende der 90er Jahre ist mit Mini-DV-Kameras und günstiger
Schnittsoftware eine noch erschwingliche Technologie im
Low-Budget-Bereich für Desktop Filmmaking entstanden, die
Videotagebücher und andere persönliche Filme, auch
politische, ermöglicht, wie sie die cineastischen 68er in der
Tradition des Gedankens von "Camera Stylo" erträumten. Erstmals
in der Filmgeschichte bleibt der filmische Aufwand für einen
Autorenfilmer erschwinglich, die "Kamera als Federhalter, der kein
Gebiet verschlossen sein darf" (69), kann der Filmemacher
führen, und in der Postproduktion zu Hause oder am Laptop
unterwegs kann er den Film montieren. Der Consumer als User
emanzipiert sich neben dem "Profi", die technologischen Grenzen
zwischen Amateurfilm und professionellem Filmen verwischen sich
partiell und temporär. Die Phase des Austauschs und Sammelns von
Erfahrung ist nie zu Ende. "Anything goes", die Parole der
Postmoderne verweist nicht nur auf die Gefahr der Beliebigkeit der
Montagemittel, sondern auch auf die innovative Befreiung vom
merkantilen Methodenzwang, den sogar die Film- und Fernsehindustrie
mit ihren Montagestandards, Konventionen und ihrem Sicherheitsdenken
in Frage stellen muss, will sie den kreativen Machern und der
Schaulust des widerspenstigen Publikums entgegenkommen.
Es bleiben spannende Zeiten für die Montage.
8 Literaturempfehlungen
Beller, Hans (Hg.). Handbuch der Filmmontage. Praxis und
Prinzipien des
Filmschnitts. München 1993/2002
Ein Standardwerk mit Überblicks- und Schwerpunktartikeln von
Praktikern und Theoretikern zum Metier, zu Standards, Konventionen
und Prinzipien der Filmmontage.
Bordwell, David. Visual Style in Cinema. Vier Kapitel Filmgeschichte.
Frankfurt a. M. 2001
Eine der bestbebilderten Überblickstudien mit empirischem
Background, beginnend beim Stummfilm bis zum Film der 90er Jahre. Ein
Ergebnis der verdienstvollen Reihe "Reden über Film" (Initiator
Andreas Rost vom Filmreferat in München).
Fairservice, Don. Film editing: History, Theory, and Practice.
Looking at the
Invisible. Manchester und New York 2001
Geschrieben von einem freien Editor mit vielseitiger Lehrerfahrung in
England, mit historischem Hintergrund auf die Praxis bezogen.
Reisz, Karel, und Gavin Millar. Geschichte und Technik der
Filmmontage.
München 1988 (vergriffen)
Der Klassiker, 1953 vom Regisseur Reisz geschrieben und 1968 vom
Dokumentarfilmpraktiker Millar ergänzt (von Focal Press immer
wieder neu aufgelegt).
Murch, Walter. Ein Lidschlag, ein Schnitt. Die Kunst der
Filmmontage.
Deutsch von Ulrich von Berg. Berlin 2004
Reflektiert und renommiert, als Entscheidungshilfe für die
Platzierung von "Schnittpunkten" (Editing Points) hilfreich.
Nuffer, Eberhard. Filmschnitt und Schneidetisch. Eine Zeitreise durch
die klassische Montagetechnologie. Potsdam 2002.
Diplomarbeit eines Absolventen der HFF-Babelsberg mit präzisen
Recherchen und voller Leidenschaft für die technologische Basis
des filmischen Handwerks vor der Digitalisierung des Zelluloids.
Die folgenden Texte zeichnen sich durch kenntnisreiche Vergleiche von
analogem und digitalem Editing aus, indem die Vor- und Nachteile
klassischer und
digitaler Schnittsysteme dargestellt werden.
Perraudin, René: "Konventioneller Filmschnitt - Virtueller
Filmschnitt". In: Trau-Schau-Wem. Digitalisierung und dokumentarische
Form. Hg. Hoffmann, Kay. Band 9 der Reihe Close up. Konstanz 1997. S.
105.
Reiter, Horst. "Das Haus bleibt stehen". In: Gehr, Herbert, und
Stefan Ott (Hg.). Visual Effects für Kino und Fernsehen.
Bergisch Gladbach 2000. 5.249-257
Schumm, Gerhard: "Das Filmbild im Computer: Dicht und oft zu nah. Zur
Arbeitsspezifik digitaler Filmmontage. In: Trau-Schau-Wem. a. a.
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