Dos and Donts &endash; frühe
Montageregeln
Hans Beller
"Editing is about [...] following your intuition and your
feelings, trying and keeping a fresh eye, and always thinking that
rules are made to be broken." Hervé Schneid
Es war einmal eine Zeit, da zog die Schnittmeisterin oder der
Schnittmeister den Vorhang zwischen sich und der Schnittassistenz,
wenn es am Schneidetisch ans Werk und zur Sache ging. Es galt, ein
Werkgeheimnis zu verbergen, die individuelle Herangehensweise an die
Kunst des Filmschnitts, das Wie, Was und Warum, das jeden einzelnen
Schnitt der Meister prägte. Dieses geheime Wissen wurde noch vor
einem Vierteljahrhundert launisch tradiert und hielt die Assistenz
oft in langjähriger Abhängigkeit von ihren Meistern.
Auf der anderen Seite gab es neben der Geheimniskrämerei aber
immer auch Autoritäten, die für die Ausbildung und das
Montagehandwerk Regelwerke aufstellten und diese niederschrieben.
Diese methodischen Regeln hatten Aufforderungs-charakter, sollten als
Anweisung oder Anleitung das Montagemetier professionell
konsolidieren, in der Filmindustrie dann auch standardisieren und
konfektionieren. Denn innerhalb der Filmindustrie, so wurde ab etwa
1911-1913 beim Schnitt und der Montage überlegt, sollten Filme
funktionieren und montiert werden können wie Autos. So hofften
sie, die Zuschauer ins Kino und dann dahin zu bringen, den
erzählten Geschichten bedingungslos zu folgen. Die Leute sollten
dabei den Sprüngen durch Raum und Zeit ohne Desorientierung und
Irritationen folgen, und das sollte bei möglichst vielen
Zuschauern funktionieren, wenn man sich dabei an die etablierten
Regeln hielt. Das ist bis heute ein Wunsch geblieben, denn auch die
Filmbranche weiß, daß sie immer wieder gestalterisch
Neues braucht und Regelwerke im Film eben keine Kochrezepte sind.
Der Stumm- und Tonfilmeditor, späterer Chef-Editor und
Vizepräsident von Universal Picture Corp. William Hornbeck
drückte das in einem Interview mit Filmhistoriker Kevin Brownlow
pragmatisch so aus: "Natürlich kann man niemand per Unterricht
beibringen, wie man schneidet. Man kann nur Hinweise und Tips
weitergeben, die der andere befolgen sollte. Diese Tips sind keine
Regeln; wenn es feste Regeln für den Schnitt gäbe,
könnte man sie in ein Buch schreiben, und jeder könnte
Cutter werden."
Schaut man auf die Jahrzehnte zurück, in denen Montageregeln
dominierten, können zwei Ansätze unterschieden werden: 1.
der sich an der Wahrnehmung der Zuschauer orientierende und 2. der an
der Motivation und Entscheidung des Editors orientierte Ansatz.
Einmal geht es um die Illusionstechnik, beispielsweise des
"unsichtbaren Schnitts", damit die Zuschauer nicht merken, daß
sie in einem Film sitzen. Der andere Ansatz leistet
Entscheidungshilfe beim Montieren, damit Editoren im ozeanischen
Trudeln von Abermillionen Schnittmöglichkeiten den Boden nicht
unter den Füßen verlieren. Der erste Ansatz geriet in den
Verdacht der autoritären normativen Ästhetik, der zweite
Ansatz ist nicht überholt, verändert und erweitert sich
jedoch auch. Hier soll nur der erste Ansatz behandelt werden. Doch
dazu muß an einige dieser Montageregeln erinnert werden, was
nicht ohne symptomatisches Quellenstudium geht.
Prägend für die meisten Regeln ist das Ideal des
"unsichtbaren Schnitts" hollywoodscher Provenienz. Daher heißt
es auch gleich in Edward Dmytryks Buch "On Film Editing"
(Boston/London 1984) im Kapitel 3 "Smooth Cutting &endash; The Ideal"
im ersten Satz: "Film is a deceptive art in many ways. Its
collaborative nature is axiomatic, yet more than in most art forms,
that collaboration is hidden(!) from the audience. [...] The
finer the cutters technique, the less noticeable is his
contribution."
Die ungebrochene Vorstellung von Faustregeln für
Montagegestaltung findet sich in zwei aus dem Englischen
übersetzten Büchern, die in den 1960ern (vor 1968!) in der
BRD publiziert wurden. Einmal H. Baddleys und Egon Fischers
"Filmschnitt und Montage", Düsseldorf 1963, zuerst 1951
erschienen bei der bei Film- und Fernsehschaffenden renommierten
Focal Press (Boston, London) mit dem programmatischen Titel: "How to
Edit". Und Desmond Davis: "Die Bildgestaltung beim Fernsehen"
(Köln 1965, London 1960). Das waren damals die Bücher
für Praktiker.
Die erste Generation von westdeutschen Filmstudenten las jedoch das
1968 bei Focal Press erschienene Buch von Karel Reisz und Gavin
Millar "The Technique of Film Editing" im Original (1988 auf deutsch
und jetzt vergriffen) &endash; bis heute ein Standardwerk und vor
allem ein von Dogmen freies Buch. Denn Reisz und Millar pochen auch
bei Filmregisseuren und Editoren auf das "elementare Recht jedes
Künstlers: nämlich aus einer Situation nur die Aspekte, die
er für wichtig hält, auszuwählen und sie so zu zeigen,
wie er es für richtig hält" (1988, S. 148).
An Zitaten zum unsichtbaren Continuity Editing soll das
Verhältnis zu ehemals ehernen Montageregeln exemplarisch
untersucht werden. Dazu Reisz/Millar: "Ein Beispiel. Ein Mann sitzt
an einem Tisch, auf dem ein Glas Wein steht. Er beugt sich vor, nimmt
das Glas mit der rechten Hand, hebt es an seine Lippen und trinkt.
Gehen wir einmal davon aus, daß diese einfache Szene in drei
verschiedenen Einstellungsgrößen gefilmt worden ist, dann
hat der Cutter verschiedene Möglichkeiten, sie zu schneiden.
Wenn er von der Totalen in die Halbnahe- schneidet, hat er zwei
Möglichkeiten. Entweder läßt er die Aktion in der
Totalen beginnen und schneidet dann während der Aufwärts-
(oder Abwärts-)bewegung des Arms in die dazu passende Halbnahe.
Oder er wartet, bis die Hand das Glas ergriffen hat, und legt den
Schnitt so an, daß die gesamte Abwärtsbewegung des Arms in
der zweiten Einstellung gezeigt wird. Ohne dogmatisch [sic!]
erscheinen zu wollen, müssen wir sagen, daß der zweiten
Methode der Vorzug zu geben ist. Wenn der eine Teil der Bewegung in
der Totalen gezeigt wird und der andere in der Halbnahen, unterbricht
der Schnitt nicht eine kontinuierlich verlaufende Bewegung, sondern
akzentuiert sozusagen während eines Moments der Ruhe die gesamte
Aktion. Der Eindruck entsteht, daß zwei verschiedene Phasen
einer Bewegung auf zwei verschiedene Arten beobachtet werden: Der
Fluß der Bewegung wird nicht unterbrochen, bis die Bewegung von
sich aus zu Ende ist."
Dieses Beispiel zeigt deutlich, wie Reisz/Millar bei konkurrierenden
Prinzipien für den Schnitt hier gerade die regelferne
Schnittmethode favorisieren. Anstatt des klassischen Continuity
Editings, dem Schnitt in der Bewegung (das wäre nämlich das
"Dogma"), entscheiden sie sich für den gesetzten Akzent, indem
sie zwischen die Bewegungsabläufe, in der Ruhe, schneiden.
Als Vertreter der "Old School" nun Desmond Davis, der im zweiten Teil
seines Buches schreibt: "Regeln. Sie sind verbindlich zu betrachten
und dürfen nur in ganz außergewöhnlichen Fällen
zur Erzielung eines überraschenden oder bizarren Effekts
gebrochen werden." Seine Regel Nr. 7 für den Schnitt lautet
demgemäß: "Man schneide möglichst dann, wenn Bewegung
im Bild ist, also wenn sich der Darsteller gerade setzt, erhebt oder
sich umdreht. Auch bei einer Großaufnahme warte man einen
Moment ab, wo die Person den Kopf bewegt."
Der Editor, der sich nach Davis richtet, hätte im Gegensatz zu
Reisz/Millar in der Auf- oder Abwärtsbewegung der Hand
geschnitten und brav dabei die klassische Regel eingehalten. Der
Ermessensspielraum des Editors, selber zu entscheiden, wann man
schneidet, wird durch solche Faustregeln nur für schwache
Charaktere eingeengt, der Kreative schaut genau hin und fühlt
sich in die Szene ein.
Auch Baddeley/Fischer reden von einem Muß beim
Bewegungsschnitt: "Der Schnitt muß aber noch in die
Bewegungsphase fallen. Man bezeichnet einen solchen Schnitt als
Bewegungsschnitt. Er fällt weniger auf als ein
Schnitt bei stillstehenden Darstellern und wirkt daher
flüssiger."
Der pragmatische Ansatz der angelsächsischen Editoren bei Film
und Fernsehen hat zu den Faustregeln geführt, die dann gelten,
wenn unter Zeitdruck, Streß und Entscheidungsblockade das
Schnittmoment nicht anders gefunden werden kann. Denn "time is money"
in einer industrialisierten Welt von Film und Fernsehen.
Kreativität, die zu viel Zeit braucht, findet als Kostenfaktor
im außerfilmischen Kontext keine Gegenliebe.
Um unter diesem Gesichtspunkt noch ein paar andere Muß-Regeln
des Autorenduos Baddeley/Fischer aufzulisten:
"Leere Bilder, d.h. Bilder ohne Darsteller oder Bewegung müssen
entfernt werden, es sei denn, sie hätten eine bestimmte Aufgabe
zu erfüllen. [...] Verschwindet ein Darsteller oder ein
bewegliches Objekt aus dem Blickfeld, so muß die Einstellung
geschnitten werden, bevor die Szene völlig leer ist. Niemals
darf ein totes Bild zurückbleiben, es sei denn, es soll eine
ganz bestimmte Wirkung dadurch erzielt werden. Will man z.B. eine
menschenleere Straße nach einem plötzlichen Sturm zeigen,
so kann man die Einstellung noch kurze Zeit fortführen, nachdem
der letzte Fußgänger eilig den Schauplatz verlassen
hat."
Hier scheint der horror vacui die Feder für Regelsätze
geführt zu haben, denn was diese Autoren fürchten wie der
Teufel, ist der von Praktikern als nutzbare Möglichkeit
geduldete Free Frame Cut. Der Moment, wo eben mal das Bild leer vom
Helden oder der Hauptdarstellerin bleibt, als Transition zwischen
Szenen. Früher hatte der Free Frame Cut die Funktion,
ähnlich der Interpunktion beim Schreiben, Zeitzäsuren zu
akzentuieren. Man unterschied daher auch zwischen dem Free Frame Cut
als Entrance und/oder Exit Cut, die Leere am Ende oder zu Beginn der
Szene, die den jeweils intendierten Zeitfluß lenkt.
Eine andere strikte Regel nannte sich sogar "the holy three" (nach
einem Filmtitel The Unholy Three). Sie fordert den Dreischritt bei
der Annäherung oder Entfernung einer Filmfigur. Desmond Davis:
"Man vermeide den Schnitt von der Totalen auf die Nahaufnahme. Dieser
Schnitt verursacht einen sehr unnatürlichen optischen Sprung.
Man zeigt entweder eine Halbtotale dazwischen oder man lässt die
Person in den Vordergrund kommen, ehe man auf die Nahaufnahme
umschneidet. Keinesfalls zeige man eine Nahaufnahme, ohne die Person
vorher dem Zuschauer in einer totalen Einstellung vorgestellt zu
haben."
Auch Baddeley/Fischer geht es beim Regelwerk um eine
"Zusammenstellung von Fehlern, die unter allen Umständen zu
vermeiden sind: Niemals verbindet man zwei Einstellungen miteinander,
die sich im Blickwinkel oder im Kameraabstand nur geringfügig
unterscheiden. Ebensowenig eine Totale mit einer Großaufnahme.
Beide Extreme würden den Zuschauer nur verwirren."
Die beiden letzten Sätze verweisen auf die Regel der "holy
three", der erste Ansatz ist mit der Akzeptanz des Jump Cuts
mittlerweile meist Vergangenheit. Interessant ist das Beharren auf
die Vorstellung einer "natürlichen" Wahrnehmung beim
Filmeschauen. Als Godard und Truffaut A bout de souffle (1959) im
Kino zeigten, verließen Zuschauer empört den Saal und
schimpften wegen der Jump Cuts. Gestalterische Innovation, das zeigt
bitter nicht nur die moderne Filmgeschichte, führt oft beim
Publikum zu Wut, Verwirrung, Verstörung und Ablehnung. Wer etwas
Neues ausprobiert, darf nicht vom Publikum erwarten, daß es vor
ihm auf die Knie geht. Regeln sind daher immer auch affirmative, wenn
nicht gar totalitäre Versuche, eine normative Ästhetik nach
eigenem Geschmack durchzusetzen. Kein Wunder, daß seit MTV in
den 1980ern und seit der digitalen und politischen Wende 1990 alles
vehement außer Kraft gesetzt wurde, was bis dahin noch als
Regel Bestand hätte haben können. MTV plünderte die
dekonstruierenden Ansätze jahrzehntelanger Filmavantgarde, indem
es auch inflationär alles verramschte, was es bis dahin als
gezielte Regelverletzung gegeben hatte. Und ab den 1990ern wurde
vollends das Mediale mitthematisiert, so daß der "unsichtbare
Schnitt" an Wertigkeit verlor. War der Subtext des unsichtbaren
Schnitts: "Du sollst nicht merken", so will die Moderne, daß
der Schnitt im wahrsten Sinne auch in die Augen gehen kann.
Eine Anekdote von Hollywoodregisseur Ed Dmytryk soll auf einen
Vorläufer des Jump Cuts mit seinen für damals schon
schwierigen Rezeptionen verweisen. Als Dmytryk bei Paramount noch
Mustervorführer war, sah er, wie Joseph von Sternberg einen Film
mit der Dietrich schnitt. An einer Stelle schaute ihm der Star
über die Schulter und bemerkte: "That cut jumps." Sternbergs
Antwort: "I want it to jump. I want the audience to know there was a
cutter on the picture &endash; me." ("On Screen Directing",1984).
Einer der frühesten Belege von Autorenrebellion mit
offensichtlich medialem Selbstanspruch, in dem leider von Edward
Dmytryk nicht der Filmtitel und damit das Jahr erwähnt wird, der
dem Regelwerk des unsichtbaren Schnitts widerspricht. Noch 1983
verurteilte Joseph F. Robertson in seinem Buch "The Magic of Film
Editing" im Abschnitt "Rules of Film Editing" den Jump Cut als
regelwidrig: "Elimination or lack of footage in a shot where there is
action, so that the viewer is aware that a cut has been made. This is
a rather poor practice and its use should be generally avoided."
Jeder bezieht sich bei der Regelthematik gerne auf den Picasso
zugeschriebenen Satz: Man muß die Regeln kennen, um sie
außer Kraft zu setzten. Manche Schnittregeln sind Tips oder
illusionistische Tricks und nicht so dominant, wie es beispielsweise
der "Goldene Schnitt" als Anleitung für die Linienführung
im Bildaufbau in der Renaissance war. Außerdem gehört zur
Dialektik der Regel, daß sie auch ex negativo beachtet wird:
Der Jump Cut ist doch nur einer, weil er den Smooth Cut negiert!
Einigt man sich dagegen auf probate Muster und Schemata, die offene
Montagemodelle charakterisieren, verfügt man über altes
Wissen, auch das der Meister, das nicht veraltet, im Gegensatz zum
Exekutieren altmodischer Regeln.
Einer der anerkannten Montagemeister ist Walter Murch, der in einer
BBC-Dokumentation zum Filmschnitt, The Cutting Edge (Wendy Apple,
2004), ausführt: "Man muß als Editor ein gutes Gespür
dafür entwickeln, worauf die Aufmerksamkeit des Publikums zielt.
Und normalerweise lenkt man die Aufmerksamkeit, ohne ihr Gewalt
anzutun. Das ist wie eine volle Tasse, die man herumträgt
[dabei macht Murch eine zart schwingende Geste mit seinen
sehnigen Händen], man will nichts verschütten. Darum
spüren die Leute das Unsichtbare unserer Arbeit."
Walter Murch hat den Vorhang zwischen sich und dem Rest der Welt
aufgezogen und gehört zu denen, die uns die Demokratisierung des
Montagewissens klug und ohne normative Regeln weitergeben. Man kann
von ihm viel mehr als nur Regeln lernen.