Roland Barthes: Der Tod des Autors[1] (1968)
In seiner
Novelle Sarrasine schreibt Balzac[2]
Ÿber einen als Frau verkleideten Kastraten den folgenden Satz: ãDas war die
Frau mit ihren plštzlichen €ngsten, ihren grundlosen Launen, ihren
unwillkŸrlichen Verwirrungen, ihren unmotivierten KŸhnheiten, ihren Wagnissen
und ihrer reizenden Zartheit der GefŸhle.Ò Wer spricht hier? Ist es der Held
der Novelle, um den Kastraten zu ignorieren, der sich hinter der Frau verbirgt?
Ist es das Individuum Balzac mit seiner persšnlichen Philosophie Ÿber die Frau?
Ist es der Autor Balzac mit seiner persšnlichen Philosophie Ÿber die Frau? Ist
es der Autor Balzac, der âliterarischeÕ Ideen Ÿber das Weibliche verkŸndet? Ist
es die Weisheit schlechthin? Die romantische Psychologie? Wir werden es nie
erfahren kšnnen, einfach deswegen, weil die Schrift jede Stimme, jeden Ursprung
zerstšrt. Die Schrift ist der unbestimmte, uneinheitliche, unfixierbare Ort,
wohin unser Subjekt entflieht, das Schwarzwei§, in dem sich jede IdentitŠt
aufzulšsen beginnt, angefangen mit derjenigen des schreibenden Kšrpers.
Das
ist sicherlich immer schon so gewesen: Sobald ein Ereignis ohne weitere
Absichten erzŠhlt wird – also
lediglich zur AusŸbung des Symbols, anstatt um direkt auf die Wirklichkeit
einzuwirken – vollzieht sich diese Ablšsung, verliert die Stimme ihren
Ursprung, stirbt der Autor, beginnt die Schrift. [É] Der Autor ist eine moderne Figur, die unsere Gesellschaft
hervorbrachte, als sie am Ende des Mittelalters im englischen Empirismus, im
franzšsischen Rationalismus und im persšnlichen Glauben der Reformation den
Wert des Individuums entdeckte – oder, wie man wŸrdevoller sagt, der
âmenschlichen PersonÕ. [É] Der Autor
beherrscht immer noch die literaturgeschichtlichen HandbŸcher, die Biographien
der Schriftsteller, die Zeitschrifteninterviews und sogar das SelbstverstŠndnis
der Literaten, die in ihren TagebŸchern Person und Werk verschmelzen mšchten.
Unsere heutige Kultur beschrŠnkt die Literatur tyrannisch auf den Autor, auf
seine Person, seine Geschichte, seinen Geschmack, seine Leidenschaften. Noch
immer sehen die Kritiker im Werk von Baudelaire[3]
nichts als das Versagen des Menschen Baudelaire, im Werk von van Gogh nichts
als dessen VerrŸcktheit, im Werk von Tschaikowski nichts als dessen Laster. Die
ErklŠrung eines Werkes wird stets
bei seinem Urheber gesucht – als ob sich hinter der mehr oder weniger
durchsichtigen Allegorie der Fiktion letztlich immer die Stimme ein und
derselben Person verberge, die des Autors, der Vertraulichkeiten preisgibt.
Wenngleich
die Vorherrschaft des Autors immer noch
ungebrochen ist [É], so wird sie doch seit lŠngerem von einzelnen
Schriftstellern attackiert. In Frankreich hat wohl als Erster MallarmŽ[4]
in vollem Ma§e die Notwendigkeit gesehen und vorausgesehen, die Sprache an die
Stelle dessen zu setzen, der bislang als ihr EigentŸmer galt. FŸr MallarmŽ (und
fŸr uns) ist es die Sprache, die spricht, nicht der Autor. Schreiben bedeutet,
mit Hilfe einer unverzichtbaren Unpersšnlichkeit – die man keineswegs mit
der kastrierenden ObjektivitŠt des realistischen Romanschriftstellers
verwechseln darf – an den Punkt zu gelangen, wo nicht âichÕ, sondern nur
die Sprache âhandeltÕ. MallarmŽs gesamte Poetik besteht darin, den Autor
zugunsten der Schrift zu unterdrŸcken (was bedeutet, wie wir noch sehen werden:
den Leser an seine Stelle zu rŸcken). [É] [Es hat] die Linguistik ein
wertvolles analytisches Instrument zur Zerstšrung des Autors entwickelt, weil sie verdeutlicht, dass eine
€u§erung insgesamt ein leerer Vorgang ist, der reibungslos ablŠuft, ohne dass
man ihn mit der Person des Sprechers ausfŸllen mŸsste. Linguistisch gesehen,
ist der Autor immer nur
derjenige, der schreibt, genauso wie ich niemand anderes ist als derjenige, der ich sagt. Die Sprache kennt ein âSubjektÕ, aber keine
âPersonÕ. Obwohl dieses Subjekt au§erhalb der €u§erung, durch die es definiert
wird, leer ist, reicht es hin, um die Sprache zu âtragenÕ, um sie auszufŸllen.
Die
Abwesenheit des Autors (man kšnnte hier
mit Brecht von einer wirklichen âDistanzierungÕ sprechen: der Autor wird zu einer Nebenfigur der literarischen BŸhne
reduziert) ist nicht nur ein historisches Faktum oder ein Schreibakt, sondern
verwandelt den modernen Text von Grund auf. Mit anderen Worten: Der Text wird
von nun an so gemacht und gelesen, dass der Autor in jeder Hinsicht
verschwindet. ZunŠchst einmal verŠndert sich die Zeit. Der Autor – wenn man denn an ihn glaubt – wird
immer als die Vergangenheit seines eigenen Buches verstanden. Buch und Autor
stellen sich in ein und dieselbe Reihe, unterschieden durch ein Vorher und Nachher. Der Autor ernŠhrt
vermeintlich das Buch, das hei§t, er existiert vorher, denkt, leidet, lebt fŸr
sein Buch. Er geht seinem Werk zeitlich voraus wie ein Vater seinem Kind.
Hingegen wird der moderne Schreiber im selben Moment wie sein Text geboren. Er
hat Ÿberhaupt keine Existenz, die seinem Schreiben vorausginge oder es
Ÿberstiege; er ist in keiner Hinsicht das Subjekt, dessen PrŠdikat sein Buch
wŠre. Es gibt nur die Zeit der €u§erung, und jeder Text ist immer hier
und jetzt geschrieben. Und zwar deshalb, weil (oder: daraus
folgt, dass) Schreiben nicht mehr
lŠnger eine TŠtigkeit des Registrierens, des Konstatierens, des
ReprŠsentierens, des âMalensÕ (wie die Klassiker sagten) bezeichnen kann,
sondern vielmehr das, was die Linguisten im Anschluss an die Oxford-Philosophie[5]
ein Performativ[6] nennen, eine
seltene Verbalform, die auf die erste Person und das PrŠsens beschrŠnkt ist und
in der die €u§erung keinen anderen Inhalt (keinen anderen €u§erungsgehalt) hat
als eben den Akt, durch den sie sich hervorbringt – etwa das Ich
erklŠre von Kšnigen oder das Ich
singe von sehr alten Dichtern. [É] [Die
Hand des modernen Schreibers zeichnet], abgelšst von jeder Stimme und gefŸhrt
von einer reinen Geste der Einschreibung (nicht des Ausdrucks), ein Feld ohne
Ursprung – oder jedenfalls ohne anderen Ursprung als die Sprache selbst,
also dasjenige, was unaufhšrlich jeden Ursprung in Frage stellt.
Heute
wissen wir, dass ein Text nicht aus einer Reihe von Wšrtern besteht, die einen
einzigen, irgendwie theologischen Sinn enthŸllt (welcher die Botschaft des Autor-Gottes wŠre), sondern aus einem vieldimensionalen
Raum, in dem sich verschiedene Schreibweisen, von denen keine einzige originell
ist, vereinigen und bekŠmpfen. Der Text ist ein Gewebe von Zitaten aus
unzŠhligen StŠtten der Kultur. [É] [Der Schreiber kann] nur eine immer schon
geschehene, niemals originelle Geste nachahmen. Seine einzige Macht besteht
darin, die Schriften zu vermischen und sie miteinander zu konfrontieren, ohne sich
jemals auf eine einzelne von ihnen zu stŸtzen. Wollte er sich ausdrŸcken, sollte er wenigstens wissen, dass das innere
âEtwasÕ, das er âŸbersetzenÕ mšchte, selbst nur ein zusammengesetztes
Wšrterbuch ist, dessen Wšrter sich immer nur durch andere Wšrter erklŠren
lassen [É]. Als Nachfolger des Autors birgt der Schreiber keine Passionen, Stimmungen, GefŸhle oder EindrŸcke
mehr in sich, sondern dieses riesige Wšrterbuch, dem er eine Schrift entnimmt,
die keinen Aufenthalt kennt. Das Leben ahmt immer nur das Buch nach, und das
Buch ist selbst nur ein Gewebe von Zeichen, eine verlorene, unendlich entfernte
Nachahmung.
Die
Abwesenheit des Autors macht es ganz
ŸberflŸssig, einen Text âentziffernÕ zu wollen. Sobald ein Text einen Autor zugewiesen bekommt, wird er eingedŠmmt, mit einer
endgŸltigen Bedeutung versehen, wird die Schrift angehalten. Diese Auffassung
kommt der Literaturkritik sehr entgegen, die es sich zur Aufgabe setzt, den Autor (oder seine Hypostasen[7]:
die Gesellschaft, die Geschichte, die Psyche, die Freiheit) hinter dem Werk zu
entdecken. Ist erst der Autor
gefunden, dann ist auch der Text âerklŠrtÕ, und der Kritiker hat gewonnen.
Daher ist es nicht erstaunlich, dass, historisch gesehen, die Herrschaft des Autors auch diejenige des Kritikers gewesen ist und dass die Kritik [É] heute zusammen
mit dem Autor verschwindet. Die
vielfŠltige Schrift kann nŠmlich nur entwirrt, nicht entziffert werden. Die Struktur kann zwar in allen ihren
Wiederholungen und auf allen ihren Ebenen nachvollzogen werden (so wie man eine
Laufmasche âverfolgenÕ kann), aber ohne Anfang und ohne Ende. Der Raum der
Schrift kann durchwandert, aber nicht durchsto§en werden. Die Schrift bildet
unentwegt Sinn, aber nur, um ihn wieder aufzulšsen. Sie fŸhrt zu einer
systematischen Befreiung vom Sinn. Genau dadurch setzt die Literatur (man
sollte von nun an besser sagen: die Schrift), die dem Text (und der Welt als Text) ein
âGeheimnisÕ, das hei§t einen endgŸltigen Sinn, verweigert, eine TŠtigkeit frei,
die man gegentheologisch und wahrhaft revolutionŠr nennen kšnnte. Denn eine
Fixierung des Sinns zu verweigern, hei§t letztlich, Gott und seine Hypostasen
(die Vernunft, die Wissenschaft, das Gesetz) abzuweisen.
Kehren
wir zu Balzacs Satz zurŸck. Niemand (das hei§t: keine Person) spricht ihn.
Nicht sein Ursprung oder seine Stimme sind der wahre Ort der Schrift, sondern
die LektŸre. [É] So enthŸllt sich das totale Wesen der Schrift. Ein Text ist
aus vielfŠltigen Schriften zusammengesetzt, die verschiedenen Kulturen
entstammen und miteinander in Dialog treten, sich parodieren, einander in Frage
stellen. Es gibt aber einen Ort, an dem diese Vielfalt zusammentrifft, und
dieser Ort ist nicht der Autor (wie man bislang gesagt hat), sondern der Leser.
Der Leser ist der Raum, in dem sich alle Zitate, aus denen sich Schrift
zusammensetzt, einschreiben, ohne dass ein einziges verloren ginge. Die Einheit
eines Textes liegt nicht in seinem Ursprung, sondern in seinem Zielpunkt
– wobei dieser Zielpunkt nicht mehr lŠnger als eine Person verstanden werden
kann. Der Leser ist ein Mensch ohne Geschichte, ohne Biographie, ohne
Psychologie. Er ist nur der Jemand, der
in einem einzigen Feld alle Spuren vereinigt, aus denen sich das Geschriebene
zusammensetzt. Deshalb ist es lŠcherlich, die neue Schreibweise im Namen eines
Humanismus verdammen zu wollen, der scheinheilig vorgibt, die Rechte des Lesers
zu verteidigen. Die traditionelle Kritik hat sich niemals um den Leser
gekŸmmert; sie kennt in der Literatur keinen anderen Menschen als denjenigen,
der schreibt. Inzwischen lassen wir uns nicht mehr von solchen Antiphrasen
tŠuschen, mit denen die gute Gesellschaft anma§end Anschuldigungen erhebt
zugunsten dessen, was sie selbst gerade ausgrenzt, Ÿbersieht, erstickt oder
zerstšrt. Wir wissen, dass der Mythos umgekehrt werden muss, um der Schrift
eine Zukunft zu geben. Die Geburt des Lesers ist zu bezahlen mit dem Tod des Autors.
[1] Roland Barthes: Der Tod des Autors. Aus dem Franzšsischen Ÿbersetzt von Matias Martinez. In: Texte zur Theorie der Autorschaft. Herausgegeben und kommentiert von Fotis Jannidis [u. a.], S. 185-197, Stuttgart 2000. Der Text Roland Barthes ist in seiner vorliegenden Gestalt von Sebastian Fendrich redigiert und mit Anmerkungen versehen worden. – Roland Barthes (1915-1980), franzšsischer Semiologe, gilt neben dem Ethnologen Claude LŽvi-Strauss, dem Philosophen Michel Foucault und dem Psychoanalytiker Jacques Lacan als einer der BegrŸnder und Hauptvertreter des Strukturalismus, der seit den 60er Jahren den Existenzialismus als dominierende Denkrichtung in Frankreich ablšst. Die antimetaphysische Haltung des Strukturalismus ergibt sich aus seinem Interesse, vom menschlichen Subjekt prinzipiell unabhŠngige Strukturen zu erforschen, die sowohl das Unbewusste als auch die soziokulturellen Zeichen- und Kommunikationssysteme prŠgen.
[2] HonorŽ de Balzac (1799-1850) – franzšsischer Romancier, der im 19. Jahrhundert den soziologischen Realismus im franzšsischen Roman begrŸndet und gestaltet.
[3]
Charles Baudelaire (1821-1867) – franzšsischer Dichter, dessen lyrischer
Zyklus Les Fleurs du Mal (dt.: Die
Blumen des Bšsen) bei seinem Erscheinen im
Jahre 1857 zu einer Verurteilung Baudelaires wegen GefŠhrdung der Sittlichkeit
fŸhrt. Baudelaires Werk gilt als wichtiger Bezugspunkt der europŠischen
Literatur der Dekadenz und des €sthetizismus.
[4] StŽphane MallarmŽ (1842-1898) – franzšsischer Dichter, der als bedeutender Vertreter eines Šsthetizistischen Symbolismus gilt.
[5] Gemeint ist die angelsŠchsische Tradition der Analytischen Philosophie, die seit den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts in Absetzung gegen die neuzeitliche Metaphysik nicht mehr Dinge, Ereignisse oder Sachverhalte als solche, sondern die sprachlichen Strukturen einzelwissenschaftlicher Aussagen und Prinzipien thematisiert.
[6] Die performative Form einer sprachlichen Artikulation meint im Unterschied zu ihrem propositionalen Inhalt die jeweils besondere TŠtigkeit des Sprechaktes, durch den ein bestimmter Bedeutungsgehalt zur €u§erung gelangt. So kann die semantische Einheit âRansmayrs Buch lesenÕ auf performativer Ebene durch jeweils unterschiedliche Sprechhandlungen verwirklicht werden, die freilich jeweils andere Funktionen erfŸllen: âIch habe Ransmayrs Buch gelesen.Õ (Behauptung), âHast du Ransmayrs Buch gelesen?Õ (Frage) oder âLies Ransmayrs Buch!Õ (Befehl). Die bekanntesten Sprechakttheoretiker sind die sprachanalytischen Philosophen John Langshaw Austin (1911-1960) und John Rogers Searle (1932).
[7]
Hypostase (gr.-lat.) –
VergegenstŠndlichung eines Begriffes, der eigentlich nur in Gedanken existiert.